Schutzmaßnahmen Singen

Menüpunkt aktuell erst im Aufbau

Inhalt dieses Menüpunkts

I. Zum Zweck dieses Menüpunkts

II. Evidenzbasierte, situationsangepasste oder unabhängig davon etablierte Maßnahmen?

III. Diskussion konkreter Maßnahmen

In diesem Menüpunkt – der sich aktuell im Aufbau befindet – möchte ich nach und nach anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse transparent machen und diskutieren, warum diese oder jene Schutzmaßnahme beim Gruppensingen sinnvoll ist, um das Ansteckungsrisiko mit Corona zu minimieren. Der Schwerpunkt liegt dabei – aber nicht ausschließlich – auf Maßnahmen, die aus der besonderen Situation des Singen resultieren (erhöhte Aerosolproduktion im niedrigen Bereich, besondere sängerische Atmung), insbesondere auf Abständen, Lüftung, Maskenschutz oder Belegungszahlen. In Kurzform, aber nicht zu allen Themen, haben etwa die Professoren des Freiburger Instituts für Musikermedizin Bernhard Richter und Claudia Spahn, sowie Prof. Dirk Mürbe, Leiter der Abteilung Audiologie und Phoniatrie der Charite Berlin, aber auch weitere Erklärungen hierzu und Handlungsempfehlungen abgegeben. 

I. Zum Zweck dieses Menüpunkts


Im Unterschied zu den genannten und seinerzeit im Frühjahr nötigen Handlungsempfehlungen sehe ich es nicht als meine Aufgabe an, dass am Ende eine Liste konkreter Handlungsempfehlungen steht. Vielmehr möchte ich anschaulich und übersichtlich wichtige Daten und Argumente zusammentragen, damit sie für Chor- und Ensembleleiter*innen als eine Grundlage dienen können, individuell angepasste Hygienekonzepte zu entwickeln und möglicherweise zusätzliche sinnvolle Schutzmaßnahmen etablieren zu können, so lange wir noch mit der Pandemie zu kämpfen haben und noch nicht wieder zur Tagesordnung übergehen können. Auch bekommen maßnahmenskeptische Sängerinnen so die Möglichkeit, möglicherweise verordnete Maßnahmen nachvollziehen zu können und nicht als unnötige Schikane zu begreifen. Umgekehrt könnten aber auch die ängstlicheren Sänger neuen Mut fassen, wieder zu kommen, wenn sie sehen, dass Schutzmaßnahmen sinnvoll eingeführt wurden.
 
Wenn sich die Situation durch Impfung und geeignete Medikation wieder hoffentlich entspannt, machen sich viele der Schutzmaßnahmen im Idealfall überflüssig. Aber vielleicht müssen wir lernen, eine Weile mit dem besonderen Infektionsrisiko zu leben, und sollten darum Sicherheitsmaßnahmen etablieren, die wenigstens eine Zeit lang als notwendig akzeptiert werden, weil man ihren Nutzen einsieht. Völker die in Malaria-Gegenden wohnen, haben gelernt sich mit den diesbezüglichen Ansteckungsrisiken zu arrangieren: Man schmiert sich mit nicht angenehm riechenden Pasten ein, um Mücken zu vertreiben, schläft mit Moskitonetz und verlässt möglicherweise abends nicht das Haus. AIDS hat bei seinem Auftreten in den 1980er Jahren zur Kampagne Safer Sex geführt. Vielleicht ist es nötig, für eine Weile – hoffentlich nicht zu lange! – eine Art Safer Singing (so auch der Titel einer amerikanischen Risikoeinschätzungen zum Singen, Naunheim et al. 2020) zu praktizieren: d. h einen Maßnahmenkatalog ernst zu nehmen, der zeigen könnte, dass Singen auch unter den Pandemiebedingungen möglich ist, ohne immer wieder zu Superspreader-Events oder zu Gruppenansteckungen beim Singen zu führen. Es ist sehr zu hoffen, dass eine Kombination aus guter Behandlungsmöglichkeiten und Impfung das Safer Singing wieder überflüssig macht, damit Chorsingen wieder die gleich Freude und den gleichen Anreiz gibt wie vor der Pandemie.
 
Wer konkrete Empfehlungen zu Schutzmaßnahmen ausspricht, sollte sich im Idealfall seiner Sache sicher sein, vor allem dann, wenn es um die Grenzen nach unten oder zum Geradenoch geht. Dessen ungeachtet weisen viele Handreichungen und Hygienekonzepte für Singgruppen, wie andernorts ausschnittweise von mir gezeigt, zum Teil deutliche Abweichungen auf, die Chorleitende und Singende mit Fragezeichen über das Warum dieser Abweichungen zurücklässt. Dies Gründe für die Abweichungen sind wohl unterschiedlich:

  • Einschätzungen weichen auch unter Fachleuten schlicht voneinander ab.
  • In manchen Fragen lagen zum Zeitpunkt der Hygienekonzepterstellung oder Empfehlung nur wenig oder zu wenige wissenschaftliche Erkenntnisse vor, so dass auch Improvisation gefragt war.
  • Die Grundlagen für die Hygienekonzepterstellung waren unterschiedlich gut recherchiert. Zum Teil wurde Gruppensingen nicht als eine Tätigkeit wahrgenommen wird, die Schutzmaßnahmen über die allgemein Verordneten bräuchte, weil nicht bekannt war, dass hier wenigstens zum Teil andere Mechanismen (erhöhte Aerosolproduktion, andere Atembedingungen) zum Tragen kommen als im normalen Umgang.  
  • Man versucht den Spagat zwischen Praktikabilität und Sicherheit zu gehen. Ein Hygienekonzept soll ja Singen ermöglichen und nicht unmöglich machen. Gelegentlich wurde dazu aber meines Erachtens die Sicherheitsschraube bedenklich nach unten gedreht.
  • Zum Teil haben die Abweichungen aber auch etwas mit konkreten Handlungsvorgaben staatlicher oder institutioneller Instanzen zu tun.
     
    Ich möchte im Folgenden zeigen, auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen empfohlene Schutzmaßnahmen basieren bzw. welche Forschungsergebnisse uns Möglichkeiten und Grenzen zur Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen aufzeigen. Leider gibt es immer noch viele Fragezeichen und ungeklärte Punkte. Wie gesagt geht es nicht darum, dass am Schluss ein fixer Wert steht, an den sich alle zu halten hätten, sondern darum, ein Bewusstsein für die Gefährdungsgrade und die Schutzmöglichkeiten dagegen zu schaffen.

II. Evidenzbasierte, situationsangepasste oder unabhängig davon etablierte Maßnahmen?

1. Evidenzbasierte Sicherheitsmaßnahmen?

Bei einem Webinar amerikanischer Chor- und Gesangslehrerverbände äußerte sich die Präsidentin, die als Fachexpertin zu Schutzmaßnahmen im Chor befragt wurde, in für Chöre schockierender Weise:

“Es gibt keine sichere Möglichkeit für Sänger, gemeinsam zu proben, bis ein COVID-19-Impfstoff und eine zu 95 Prozent wirksame Behandlung vorhanden sind… Seien sie geduldig: Chorsingen kommt zurück.” Prof. Dr. med Lucinda Halstead

In der Erwartung maximaler Sicherheit hat Lucinda Halstead recht. Amerikanische Wissenschaftler wollten diese Einschätzung jedoch so nicht stehen lassen, sondern plädierten für ein evidenzbasiertes Vorgehen. Sie sagten: Bevor wir den Chorbetrieb ganz stoppen, schauen wir, ob es nicht vielleicht doch irgendwie geht. Trotz noch mangelnder Erkenntnisse wollen wir auf der Grundlage vernünftiger Überlegungen Empfehlungen abgeben und dann sehr aufmerksam beobachten, ob und wie Singgruppen weiter betroffen sein werden. Dabei räumten sie ein:

“Diese Punkte sind nur als Empfehlungen zu verstehen. Sie basieren auf spärlichen und oft schwachen wissenschaftlichen Beweisen und auf ,gesundem Menschenverstand’, der zwar auf einer Fülle von Erfahrungen basiert, sich aber dennoch als falsch erweisen könnte.”

In diesem Sinne äußerten sich auch andere, etwa Prof. Michael Fuchs in seiner Risikoeinschätzung zum Chorgesang. Er empfahl, am Anfang vorsichtshalber lieber strengere Schutzmaßnahmen einzuhalten – aber mit der Aussicht auf erfahrungsbasierte Erleichterungen:

“Wir wollen versuchen, schrittweise immer mehr Erleichterungen für den Chorgesang zu ermöglichen. Wir brauchen dazu aber Zeit, weil wir Erfahrungen sammeln müssen. Wir sollten’s nicht übertreiben. Es kann uns auch passieren, dass wir einmal einen Schritt zurückgehen müssen”

Viele Chorverbände gingen im Prinzip in Wort und Tat so vor. Sie haben auf der einen Seite, nachdem Singen wieder erlaubt war, selbst zur vorläufig grössten Vorsicht aufgerufen. So empfahl beispielsweise die Schweizer Chorvereinigung noch in ihrem ersten Schutzkonzept vom 27. 5. 2020:

“Es wird um allerhöchste Vorsicht beim Durchführen von Chorproben in den ersten Wochen gebeten”.

In den Taten sah das so aus, dass viele Chorverbände anfangs sehr vorsichtige Maßnahmen emfahlen (z. B. sehr kleine Gruppengrössen von max. 9 oder 12 Teilnehmern; Singen außen ist nicht nur erste Wahl, sondern wird gefordert; die Singenden dürfen nur alle 14 Tage an einer Chorprobe teilnehmen und einiges mehr). Als dann in den ersten Wochen keine größeren Ausbrüche von Corona in Chören bekannt wurden, wurden als erstes die ganz strengen Regeln zurückgenommen und die sehr vorsichtigen Hygienekonzepte durch pragmatischere ersetzt, die wieder mehr Handlungsspielraum ließen. Allerdings hatten die Chorverbände dabei zum Teil nicht gut im Blick, welchen Einfluss die Menge der Ansteckungszahlen in der Bevölkerung hat oder haben könnte und dass SARS-CoV-2 ein Virus ist, der sich in der Heizperiode am besten verbreitet, während er in der warmen Jahreszeit einen schwereren Stand zu haben scheint. Erleichternde Updates zu den chorischen Hygienekonzepten erschienen darum just zum falschen Zeitpunkt im September, wo die Ansteckungszahlen wieder exponentiell und sichtbar stiegen und Chöre sich wieder mitunter zu 80 % infiziert haben. Dass im Sommer wenig passiert ist, scheint uns nahezulegen, dass wir im Sommer entspannter sein können. Es scheint sehr nahe liegend zu sein, dass die starken Ansteckungszahlen im Herbst der beginnenden Heizperiode zu verdanken sind – aber bis zum Letzten gesichert ist das nicht. Um zu wissen, wie man im Voraus angemessen evidenzbasiert beim Chorgesang auf den Unterschied zwischen winterlichen und sommerlichen Bedingungen reagieren soll, müssten rein theoretisch mehrere Jahre verstreichen, wenn man nicht gleich die Erfahrung von diesem Jahr zugrunde legt. Man kann nur hoffen, dass das infolge der angehenden Impfung nicht nötig sein wird.

Was aktuell (Dezember 2020) noch völlig unklar ist: Wie reagieren wir denn evidenzbasiert auf den Fortschritt der Impfungen? Gegenwärtig ist nicht klar, wie viele Menschen sich impfen lassen. Impfstoffen zu vertrauen, denen die sonst jahrelange Beobachtung von Langzeitfolgen fehlt, ist durchaus Grund zu berechtigter Skepsis. Man wird also sehen müssen und abwarten: Vielleicht lassen sich ja auch Impfskeptiker impfen, wenn sie sehen, dass wenig Negatives dadurch passiert und sich im besten Fall keine schwerwiegende Langzeitwirkungen abzeichnen. Wir könnten durch die Impfentwicklung am Ende des nächsten Sommers theoretisch in der Situtation sein, dass die Hälfte der Bevölkerung geimpft ist und die andere nicht. Dann könnte immer lauter gefordert werden, dass die beschränkenden Sicherheitsmaßnahmen aufgehoben werden. Unter der Voraussetzung hätte man aber zu Beginn des Herbstes möglicherweise wieder mit einer neuen Welle zu rechnen, wenn noch keine Herdenimmunität da ist (von der wir noch nicht wissen, ob es sie überhaupt gibt – s. u.). Evidenzbasiert (auf der Erfahrung dessen, wie die Infektionszahlen im Jahr 2020 mit Beginn der Heizperiode sprunghaft angestiegen sind) wäre es also klug, besonders wachsam um diese Jahreszeit zu sein und trotz Impffortschritt mit Schutzmaßnahmen im Chor zu operieren – zumal wenn man weiß, wie hoch die Ansteckungsgefahr bei Singgruppen vorläufig noch sein wird. Ich gedenke die Situation zu beobachten und gegebenenfalls mit einer Änderung dieses Abschnitts zu reagieren.

Wenn wir also evidenzbasierte Maßnahmen fordern, sollten wir alle wichtigen Parameter wie Jahreszeit, Ansteckungszahlen, Impffortschritt und möglicherweise noch weitere im Auge behalten und dabei nicht die von der Erfahrung unabhängigen wissenschaftlichen Erkenntnisse außer Acht lassen. Es spricht etliches dafür, in unserem eigenen Interesse vorläufig noch höhere Sicherheitsstandards anzulegen, bis allgemein Entspannung in Sicht ist. Um evidenzbasiert reagieren zu können, müssten wir auch informiert sein, was uns berechtigt, evidenzbasiert Erleichterungen zu fordern. Gegenwärtig habe ich gesehen, dass nicht einmal in Chören der gleichen Orte bekannt ist – es gibt keine Verpflichtung der Presse, darüber zu berichten -, dass ein anderer Chor des Orts sich infiziert hat. Und das könnte bei großen Ansteckungszahlen eher die Regel als die Ausnahme sein.

2. Situationsvorgegebene SicherheitsmaßnahmenAmpelsystem?

Eine andere Überlegung, Sicherheitsmaßnahmen von etwa abhängig zu machen, ist eine fixe Bindung eines Regelwerks an ein regionales Infektionsgeschehen. Die Initiative geht hier vom Staat aus, der ein Ampelsystem einrichtet, bei dem verschiedene Sicherheits- oder Maßnahmenstufen abhängig gemacht werden von der Anzahl der Infektionen pro einer bestimmten Anzahl von Einwohnern. Bei keinen oder wenigen Infektionen in der untersten Stufe gibt es nur leichte oder vielleicht sogar gar keine Regeln. In der höchsten Stufe gelten rigide Maßnahmen. Sollen Chöre auch einer solchen Ampel folgen?

Verschiedene Chorverbände haben eine solche Anbindung an ein Ampelsystem auch vorgeschlagen oder sogar eingeführt. So entwickelte etwa der Chorverband Österreich analog zum allgemeinen Österreichischen Corona-Ampelsystem (grün: geringes Risiko; gelb: mittleres Risiko; orange: hohes Risiko; rot: sehr hohes Risiko) ein Konzept, das eine flexible Reaktion auf die epidemiologische Situation vorschlägt. Bei grün gelten die allgemeinen Empfehlungen des Österreichischen Chorverbandes, bei gelb und organge werden Maßnahmen verschärft: Forderung nach Tragen eines Mundnasenschutzes (gelb: bis zum Platz, orange: immer), eine zunehmende Verkürzung der Singzeiten, eine Vergrösserung des Sicherheitsabstandes von 1,5 auf 2 m (orange) und eine Verkleinerung des Singgruppen (orange).

Wenn sicher gestellt ist, dass niemand mehr infiziert ist, ist auch kein Schutz mehr nötig. Neuseeland etwa ist es gelungen, Covid-19 wenigstens für einen längeren Zeitraum von der Insel zu verbannen. Chöre konnten wieder normal singen. Neuseeland hatte schon länger eine Ampel. Als Corona dann wieder in Auckland ausbrach, ging die Region erneut in die höchste Sicherheitsphase und Chorsingen war wieder so lange verboten, bis die Gefahr gebannt und Neuseeland erneut coronafrei war. Was in einer Inselsituation wie Neuseeland möglich ist, die den Personenverkehr ins eigene Land genau kontrollieren kann, ist bei uns jedoch schlicht nicht möglich, ohne dass Regierungen diktatorisch durchgreifen würden, wie die chinesische Regierung zu Beginn der Pandemie getan hat. Das ist wohl in niemandes Interesse.

Ist ein Ampelsystem für Chöre sinnvoll? Sicher ist eine besonders erhöhte Vorsicht geraten, wenn die Fallzahlen ohnehin hoch sind. Man sollte sich jedoch klar machen, dass chorische, aber auch nichtchorische religiöse und weltliche Singgruppen immer wieder maßgeblich dazu beigetragen haben, Superspreading-Ereignisse zu generieren, die die Fallzahlen in ganzen Regionen von jetzt auf gleich so hochgetrieben haben, dass gegebenenfalls mehrere Stufen eines potenziellen Ampelsystems übersprungen worden wären. Man denke an das Freikirchentreffen im Elsass, an den Operettenchor des Teatro Zarzuela in Madrid, an die Baptistengemeinde in Frankfurt im Mai 2020, an das Jodelmusical in Schwyz, die Choraktivitäten auf der holländischen Insel Coracao und weitere. Nähere Informationen hierzu unter dem Menüpunkt Betroffene Singgruppen.

Die Frage ist letztlich: Ist die Anbindung an ein Ampelsystem im Stande, vergleichbare Katastrophen zu verhindern oder zumindest stark unwahrscheinlich zu machen. Die Idee, einer chorischen Anbindung an ein Ampelsystem ist zumeist an grösstmöglicher Ermöglichung und Erleichterung von Singen interessiert: Wir versuchen so viel wie möglich zu singen, wenn es uns die Situation erlaubt. Das Interesse ist nur zu gut nachvollziehbar. Es fragt sich jedoch, ob wir in den Chören nicht vorerst noch einen Schritt zurücktreten sollten, bis die Gefahr von plötzlich eintretenden Superspreading-Ereignissen gebannt ist. Es fragt sich, ob wir nicht prophylaktisch eine Spur vorsichtiger agieren sollten, als uns der Stand des Infektionsgeschehens ein lascheres Vorgehen suggerieren könnte. Meines Erachtens sollte vorerst eine besondere Vorsicht in eine besonne Chorplanung einfließen. Vor allem Intensivproben- und Konzertphasen (so denn überhaupt erlaubt) bergen ein erheblich höheres Risiko als eine einfache Chorprobe (s. u.). Letztlich ist das aber die Entscheidung der Chorverantwortlichen und der Regierungen. Die Frage dabei ist allerdings, ob alle Sänger*innen gegebenenfalls über das Risiko verminderter Sicherheitsstandards aufgeklärt sind. Die vorliegende Webseite könnte Entscheidungshilfe bieten.

Die Frage nach dem Ausmaß von chorischen Schutzregeln abhängig von der epidemiologischen Situation wird uns wohl sicher und leider noch eine ganze Weile beschäftigen und auch abhängig sein vom Fortgang der Pandemie. Der Beginn der ersten, hoffentlich wirkungsvollen (und hoffentlich möglichst folgeschädenfreier) Impfungen wird ja nicht das Ende der Pandemie auf einen Schlag bedeuten. Wir wissen bislang nicht, wie lange eine Impfung schützen wird. Forscher gehen aktuell (Ende 2020) mehrheitlich davon aus, dass aufgrund der Wandlungsfähigkeit des Virus, Impfungen immer wieder erneuert werden müssen. Das Intervall zwischen solchen Impfungen ist noch unbekannt (alle paar Monate, jedes Jahr, alle paar Jahre?). Von solchen Faktoren hängt ab, ob und wann es zu einer Herdenimmunität kommt, die die Krankheit mehr oder minder effektiv zurückdrängen kann. Möglicherweise schwächt sich das Virus aber auch dauerhaft ab und wird für den Menschen (in hoffentlich absehbarer Zeit) ungefährlich. Manch ein einfacher Erkältungsvirus, der uns heute gelegentlich nur leicht zu schaffen macht, ist wohl ein zahnlos gewordenes Relikt einer vergangenen Pandemie. So ist in einem Artikel der Zeit über die Pandemie der so genannten “Russischen Grippe”, eine Lungenkrankheit die zwischen 1889 und 1895 weltweit 1 Mio. Todesopfer forderte, zu lesen:

“Die damalige Pandemie dürfte die erste Corona-Seuche der Neuzeit gewesen sein. Heute ist ihr Auslöser – er heißt HCoV-OC43 – nur noch ein harmloses Schnupfenvirus, einer der üblichen winterlichen Plagegeister. Doch wir hatten auch hundert Jahre Zeit, uns an ihn zu gewöhnen. So viel Zeit sollte man Sars-CoV-2 nicht lassen.“

Vielleicht wird Corona aber unsere vorpandemischen Standards im Chorwesen auch für immer oder für eine längere Zeit verändern müssen, und wir müssen uns vielleicht dauerhaft einige neue Verhaltensweisen auch im Chorwesen zu eigen machen.

III. Diskussion konkreter Maßnahmen (im Aufbau)

1. Hygieneregeln: Regeln zur Vermeidung von geschätzten < 1 bis 15 % der Ansteckungen – Kein Hygienetheater: Maßhalten in Hygienekonzepten ist angesagt!

Die Gesamtheit aller Hygienemaßnahmen zur Vermeidung von Kontaktübertragungen verhindert nach begründeter Meinung von Fachleuten wohl höchstens zwischen unter 1 und 15 % aller Infektionen. Das SARS-CoV-2-Virus ist primär ein Virus, das sich über gemeinsam geatmete Luft, nicht über gemeinsame benutzte Oberflächen verbreitet. Hygienekonzepte sollten dieser Erkenntnis Rechnung tragen und nicht durch Menge und Umfang von Maßnahmen bzw. deren Beschreibungen in Hygienetheater ausarten, das vorgaukelt, es würde Wesentliches zur Ausbreitungsverhinderung des Virus getan, während die eigentlich relevanten Punkte (vor allem Einhaltung von Abständen, Sorgen für gute Luft) vernachlässigt werden.

Eigentlich habe ich an dieser Stelle ursprünglich begründet, welche Evidenzen dafür sprechen, dass Ansteckungen über Kontaktübertragungen bei SARS-CoV-2-Viren nur eine marginale Rolle spielen. Die ursprünglich hier hinter einer Akkordeonakkulade verborgene ausführliche Begründung wäre hier jedoch zu versteckt. Sie ist dafür zu wichtig, sodass ich sie nun unter Punkt 4. zu Menüpunkt Vergleich Ansteckungswege verschoben habe, wo sie thematisch auch hingehört. Für die hiesigen Überlegungen zum Wert und Stellenwert der Hygieneschutzmaßnahmen sind die dortigen Erkenntnisse essentiell wichtig.

Zusammenfassende Begründung (ausführlich unter Vergleich Ansteckungswege): Es entspricht mittlerweile einem breiten wissenschaftlichen Konsens, dass die Kontaktübertragung bei dem SARS-CoV-2-Virus der Tröpfchen- und Aerosolübertragung weit nachgeordnet ist. Ja, von Anfang an sind die entsprechenden Maßnahmen zur Vermeidung von Kontaktübertragungen nur vorsichtshalber etabliert worden, da man wusste, dass sich Atemwegsinfekte überwiegend über Tröpfchen– und wie man jetzt weiß hauptsächlich durch Aerosole – übertragen. Den Gesundheitsbehörden (WHO, CDC, RKI usw.) ist bekannt, dass bis heute keine einzige Übertragung über Kontakte/Oberflächen nachgewiesen ist. Ihre Rolle im allgemeinen Infektionsgeschehen wird als gering eingeschätzt. Es wird aber angenommen, dass eine gewisse Plausibiltät für eine Kontaktübertragung besteht, und so werden Maßnahmen zur Verhinderung davon empfohlen. Im Bewusstsein vieler Hygienekonzeptautoren sind die Vermeidungsmaßnahmen zur Konaktübertragung jedoch schnell zur Hauptsache geronnen, eine Bedeutung, die ihnen definitiv nicht zukommen sollte.

Intensive Handhygiene konnte einer Metastudie folgend Atemwegsinfektionen nur zu 16 % reduzieren. Coronaviren sind hierbei aber so etwas wie “benachteiligte” Viren. Denn mit ihrem Fettmantel und ihrer Stachelstruktur sind sie sehr viel instabiler und anfälliger als viele Viren, die sich über Kontaktübertragungen verbreiten, namentlich etwa Novoviren. Auch die mantel- und stachellosen Rhinoviren werden hier als Kontrast zu den viel anfälligeren SARS-CoV-2-Viren genannt. Aber im Versuch wurde sogar gezeigt, dass sich offenbar selbst die sehr viel stabileren Rhinoviren viel eher über Tröpfchen und Aerosole übertragen als über Kontaktübertragungen. Um wieviel weniger ist dies dann von SARS-CoV-2-Viren anzunehmen.

Wo eine lange Überlebensdauer der Viren von Tagen und Wochen nachgewiesen wurde, geschah dies unter Laborbedingungen mit unrealistisch hohen Virenkonzentrationen und unter unrealistischen Feuchtigkeitsbedingungen. In kleinen Mengen und im ausgetrockneten Zustand werden die SARS-CoV-2-Viren jedoch binnen kürzester Zeit deaktiviert. Jedoch ist bekannt, dass bei anderen Atemwegsinfekten wie der Grippe Millionen von Viren benötigt werden, um sich über Oberflächen zu infizieren, jedoch nur 1000 Viren, um sich über die Luft zu infizieren. Bei allen stichhaltigen Indizien für die Luftübertragung von SARS-CoV-2-Viren ist Vergleichbares im Fall von Covid-19 auch anzunehmen. Schwerere Erkrankungen sind vor allem dann zu befürchten, wenn Viren die Chance bekommen an vielen Stellen gleichzeitig zu infizieren, wie dies durch eine Aerosolübertragung, die Viren direkt zu den Lungenbläschen bringen kann, ungleich leichter geschieht als wenn man mit dem Virus nur an einer Stelle mit den Schleimhäuten in Kontakt kommt. Die Schleimhäute, mit denen das Virus bei der Kontaktübertragung in Berührung kommen kann, verfügen jedoch über ein eigenes Immunabwehrsystem, die Lungenbläschen, die nur von Aerosolen erreicht werden können, jedoch nicht.

Bei der Kontaktübertragung ist auch zu berücksichtigen, wie wahrscheinlich es ist, dass eine große Menge von Viren übertragen werden kann, wenn man bedenkt, von wie vielen Zwischenstationen und Kontakten man in einer Ansteckungskette ausgehen muss. Natürlich ist das Ansteckungsrisiko hier bei der direkten Weitergabe von Speichel, namentlich beim Küssen, gewissermaßen einer Kontaktübertragung 1. Ordnung, am größten (vgl. nachfolgeden Graphik). Dieser Vorgang entspräche auch der Tröpfcheninfektion, bei der der Infizierte Tröpfchen so spuckt, dass sie die Schleimhäute eines anderen treffen. Es leuchtet auch ein, dass es keine gute Idee, Besteck- und Trinkgefäße gemeinsam zu benutzen, eine Kontaktübertragung 2. Ordnung. Hier gibt es aber bereits eine Zwischenstation mehr. Beim Händeschütteln haben wir es dann bereits mit einer Kontaktübertragung 3. Ordnung zu tun, d. h. es benötigt drei Kontakte für eine Infektion: das Aufbringen von Viren auf die Hand des Senders, das Abschmieren der Viren auf die Hand des Empfänger und das Reiben der Viren auf die eigenen Schleimhäute durch den Empfänger. Für die meisten Alltagsituaion tritt eine zusätzliche Zwischenstation hinzu, ein Türknauf, die Tasten eines Klaviers, die Noten, die Stühle, auf denen die Chorsänger sitzen, die Stifte die sie benutzen. Man bedenke, dass jede Zwischenstation, bei der Viren zuerst abgeschmiert und wieder aufgenommen werden, die Viruslast drastisch senkt. Wenn man nun bedenkt, dass die SARS-CoV-2-Virusmenge wohl sehr gross sein muss, um überhaupt mehr als einige Minuten überleben und auch um infizieren zu können, mit jeder nötigen Zwischenstation, von der nur ein kleinerer Teil der Viren weitergetragen wird, so verliert dieser Ansteckungsweg mit jeder zusätzlichen Ordnung erheblich von seiner Wirkungskraft.

Unterschiedliche Ordnungen von Kontaktübertragungen – jeder Zwischenstation reduziert die Virusmenge drastisch

2. Günstige Abstände im Chor

Günstige Abstände und Aufstellung im Chor (ausführlicherer Erläuterungstext – aktuell im Aufbau)

Achtung: Dieser Punkt ist gerade (Anfang Februar 2021) im Aufbau und wird fortlaufend ergänzt. Hier fehlen noch wichtige und nützliche Informationen

Ein größerer Teil dieser gesamten Webseite ist dem Aspekt gewidmet, zu erklären, warum wir über die anfänglich propagierten antipandemischen Maßnahmen Abstandhalten und Hand- und Oberflächenhygiene hinaus der pauschalen Ansteckungsmöglichkeit über kontaminierte Luft mindestens einmal beim Singen viel mehr, wenn nicht die meiste Aufmerksamkeit schenken sollten. Dies gilt aber auch in anderen Nichtsingsituationen, wo viele Menschen zusammenkommen und viel sprechen, lachen und schreien. Die Erkenntnis, dass Abstandhalten kein Allheilmittel und gute Luft auch sehr wichtig ist, setzt sich besonders seit dem 2. Halbjahr 2020 mehr und mehr durch. Dennoch behält die Maßnahme Abstandhalten ihren Wert, da in jedem Fall im Nahbereich die Infektionsgefahr über Tröpfchen und Aerosole deutlich am höchsten ist. Auch ist es unmittelbar einsichtig, dass Sänger im Chor weit genug auseinanderstehen sollten, dass sie sich beim Singen nicht anspucken können. Dennoch muss gesagt werden, dass es hier primär um den individuellen Schutz geht. Spontane Superspreadingevents gehen nur auf Übertragungen durch die Luft zurück, und solche gibt es nicht durch Nichteinhaltung von Abständen im Chor ohne Choreographie, da es keinen kurzfristigen Dominoeffekt bei der Ansteckung gibt. Die Latenzzeit (die Zeit zwischen Ansteckung und Ansteckungsfähigkeit von zumeist mindestens 2,5 Tagen, manchmal auch darunter) verhindert einen solchen Effekt. Superspreadingevents aufgrund nicht eingehaltener Abstände ereignen sich allenfalls, wenn Menschen über einen längeren Zeitraum zusammenkommen).

Dass Abstandhalten statistisch viele Ansteckungen vermeiden kann ist mathematisch voraussagbar und durch Statistiken hinreichend belegt. Neu dabei ist allenfalls die Erkenntnis, dass ab einer Entfernung zur Ursprungsquelle von 20 cm beim Sprechen oder Singen oder ab 50 cm beim Husten, die Ansteckungsgefahr über Aerosole bereits größer ist als durch so genannte ballistische Tröpfchen (Chen et al. 2020). Das höchste Risiko besteht zweifellos bei einer Face-to-Face-Situation, wobei beim Sprechen, Singen, Husten oder Niesen ausgestossene Tröpfchen dem Gegenüber unmittelbar ins Gesicht und damit auf die für eine Infektion empfindlichen Schleimhäute gelangen können und/oder aber die Konzentration an infektiösen Aerosolen, die das gegenüber unmittelbar einatmet, in der unmittelbaren Nähe zum Emitter am höchsten ist.

Das Abstandhalten, das so genannte Social Distancing, bleibt nach wie vor eine der nützlichsten und wirksamsten Maßnahmen, um sich selbst zu schützen und um die Ausbreitung einer Pandemie zu verlangsamen oder im Idealfall zu stoppen. Wie gross dieser Sicherheitsabstand günstigerweise sein soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die WHO empfahl von Anfang an 1 m, das amerikanische CDC 6 feet (1,8 m). In Europa wurde etwa in Frankreich, Italien oder Österreich ein Abstand von 1 m gefordert, in Deutschland, den Niederlanden oder in Belgien 1,5 m und in der Schweiz oder in England 2 m. Manche Länder haben ihre Regeln auch während der Pandemie geändert, die Schweiz von 2 m auf 1,5 m reduziert, Österreich aktuell (Ende Januar 2021) den Abstand umgekehrt von 1 m auf 2 m erhöht. Dänemark reduzierte von 2 m allgemein auf 1 m, setzte aber Ausnahmen – und dazu gehörte das Singen.

In einer Metastudie hatten Forscher aus Kanada im Sommer 2020 versucht zu eruieren, wie sich der Effekt des Abstandshaltens abhängig von der Distanz verhält (Chu et. Al 2020). Dabei werteten sie 172 Studien zu SARS, MERS und Covid-19 aus 16 Ländern aus. Durch einen konsequent eingehaltenen Abstand von 1 m können demnach statistisch schon sehr viele Ansteckungen vermieden werden (bis zu 80 %). Über den Daumen gepeilt soll dann noch einmal jeder Meter mehr (bis zu 3 m) Abstand das Ansteckungsrisiko halbieren. Wer sich also besser schützen will, fährt besser, wenn er 1,5 m oder 2 m statt 1 m Abstand hält, wobei 1 m Abstand auch schon sehr, sehr viel besser schützt, als die Abstände ganz zu missachten.

Chorverbände in aller Welt sind zum Teil einfach pragmatisch den geforderten allgemeinen Abstandsregeln in ihren Ländern gefolgt. Aber gilt beim Singen auch das Gleiche? Eine Gruppe von Menschen sitzt oder steht zusammen, oft einem Dirigenten gegenüber, und möglicherweise singen und artikulieren alle gleichzeitig mit großer Energie. Ist dann der ihnen gegenüberstehende Dirigent tatsächlich sicher und wenn ja, ab welcher Entfernung? Bespucken sich die Sänger nicht vielleicht gegenseitig, wenn sie eifrig und im Forte singen?

Am Anfang der Pandemie fehlten zu diesen Fragen Evidenzen und Forschungen oder waren unbekannt, und so gab es mehr nach dem Bauchgefühl Empfehlungen oder Vorgaben zu Abständen. Während bei manchen Chorverbänden 2 m zum Dirigenten als ausreichend gesehen wurden, forderten anderen Chorverbände 3, 4 oder 5 m oder einfach möglichst große Abstände vom Chor zum Dirigenten. Zwischen den Sängern wurden oft 1,5 bis 3 m Abstand vorgeschlagen oder auch Mischlösungen (z. B. Italien 1 m zur Seite, 2 m nach vorne). Das andere Extrem bildeten die Erstausgabe der Risikoabschätzung des Freiburger Instituts für Musikermedizin (25. 4. 2020) mit 3 bis 5 m zwischen den Sängern und die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (27. 4. 2020) mit mindestens 6 m Abstand zwischen den Sängerreihen und mindestens 3 m Abstand zwischen den Sängern einer Reihe.

Diese grossen Abstände zwischen Sänger und Sängerreihen, die die Nutzung vieler Räume unmöglich machte und auch sonst wenig praktikabel war, provozierten zum Widerspruch: Gab es für eine solche Maximalforderung überhaupt eine wissenschaftliche Evidenz? Sicherte sich vielleicht die VBG nur prophylaktisch und ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse von Künstlern ab? Zu diesen offenen Fragen gibt es mittlerweile etliche unmittelbare Studien und mittelbare Untersuchungen, die zu aufklärenden Antworten und besseren Einschätzungen hier geführt haben. Diese Studien gingen zum Teil auf unterschiedliche Aspekte ein, die für die idealen Sicherheitsabstände von Belang sein könnten oder sind. Nichts sagen die Antworten darüber aus, wie groß ein Raum sein sollte, um die Ansammlung ansteckender virenbeladene Aerosole in der allgemeinen Raumluft zu vermeiden.

Luftbewegung bei Vokalisation gering

Mitunter wohl als Protest gegen die Forderung der VBG von 6 m Abstand beim Singen (und 12 m gar beim Blasen) oder von jemandem dazu angeregt, führte Strömungswissenschaftler Prof. Christian Kähler an der Bundeswehruniversität in München im Frühjahr 2020 eine Studie mit einer professionellen Sängerin, zwei Amateursängern und 5 professionellen Bläsern durch, die u. a. wohl zeigen sollte, dass Singen ohne große Luftbewegung geschieht (defacto besser gesagt: so möglich ist) und die genannten Abstände sowohl beim Singen als auch bei Blasinstrumenten übertrieben sind (Kähler und Hain 2020). In einer Versuchsanordnung mit professionellen Sängern demonstrierte er, dass die alte Maxime altitalienischer Gesangspädagogen möglich ist, nämlich dass man so singen kann, dass eine Kerze, die man vor den Mund hält, nicht flackert. Kähler hat das nachfolgende Video produziert, in dem Ergebnisse und Thesen kurz auf den Punkt gebracht werden.

Kähler stellt hierin die Ergebnisse seiner Messungen bei der Vokalisation vor:

„In einer Entfernung größer als 0,5 m ist selbst bei lauten und tiefen Tönen fast keine Luftbewegung mehr feststellbar.“

Prof. Christian Kähler, Strömungsmechanikexperte

Kählers Forschung hat zwar ihren Wert. Er hat die falsche Vorstellung vieler, dass Singen mit besonders großem Tropfenflug einher geht, ins rechte Licht gerückt. Zur Findung sicherer Abstände beim Singen reichte sie jedoch nicht aus. Die Ausbreitung von Aerosolen wird hier nicht erfasst, und an der Methodik, die primär an der Vokalisation orientiert ist, hat Rundfunkchorsänger David Stingl zu Recht Bedenken angemeldet:

“1. Die Texte beider Stücke waren in italienischer Sprache, also mit nicht aspirierten stimmlosen Plosiven. Stimmlose Plosive sind also bisher nicht untersucht worden.

2. Die Experimente wurden bisher zwar mit professionellen Sängern durchgeführt, jedoch nicht mit professionellen Chorsängern. Im Chorgesang, insbesondere bei Stücken mit großer Orchesterbesetzung, wird aber in der Regel eine (über-)deutliche Artikulation der Konsonanten praktiziert. In dieser Hinsicht bestand also noch Forschungsbedarf.”

David Stingl, Rundfunkchorsänger

Aufgrund dieser Studien vertrat Kähler jedoch in den Medien die schon damals fragwürdige und mittlerweile doch deutlich widerlegte These (siehe Menüpunkte Aerosolansteckung Indizien, Aerosolübertragung beim Singen), dass eine Ansteckung allein durchs Singen „äußerst unwahrscheinlich“ sei. Die Ansteckungsgefahr sah er eher im Begleitverhalten in einer Chorprobe:

„Bei Berichten, die das Singen als Erklärung für die Infektion großer Teile eines Chores anführen, sollte hinterfragt werden, ob nicht das Sozialverhalten der eigentliche Ursprung der Infektion ist.“

Prof. Christian Kähler

Vorsichtshalber empfiehlt er dann doch größere, jedoch nicht allzu große Abstände – aber nicht aufgrund des Singens selbst:

„In einem Chor sollte trotzdem ein Abstand von mindest 1,5 m eingehalten werden, um sich auch dann wirksam vor einer Tröpfcheninfektion zu schützen, wenn gehustet oder stark gelacht wird.“

Prof. Christian Kähler

Kähler ist niemand, der die Gefährlichkeit des Virus verharmlost. Mit großem Einsatz hat er seit Beginn der Pandemie, bereits mehrere nützliche Forschungsreihen zu verschiedenen Bereichen des Pandemieeindämmung durchgeführt. In der vorliegenden Studie gibt er uns Choristen gute Tipps aus seinem Fachgebiet der Aerodynamik mit.

Fast zeitgleich zu Kähler initiierten die Professoren Bernhard Richter und Claudia Spahn als Autoren der Freiburger Risikoabschätzung für Musiker eine Studie mit Sängern und Instrumentalisten der Bamberger Sinfonikern, u. a. um ihre Vorsichtshalberempfehlung von 3-5 m Abstand beim Singen und die beim Blasen einer kritischen Prüfung zu unterziehen (Der Text wird hier in den nächsten Tagen ergänzt).

Konsonanten bringen die Luft viel mehr in Wallung und die Tröpfchen fliegen weiter

(Der Text wird hier in den nächsten Tagen ergänzt)

Fliegen die Tröpfchen bei Konsonanten tatsächlich nur höchsten 2 m? Außer den Messungen von Richter und Spahn ist mir hierzu nichts bekannt. Vorsichtig könnten hier die Untersuchungen zum Tröpfchenflug beim Husten und Niesen machen. Bald ein Jahrhundert lang war man der Meinung, dass ballistische Tröpfchen, wie sie bei der Artikulation entstehen, nicht weiter als 2 m fliegen können, bevor sie auf der Erde landen. Ab 2006 zeigt eine Studie nach der anderen, dass Husten und Nieströpfchen weiter als 2 m geschleudert werden können.

Zhu et al. 2006Hustentröpfchen fliegen weiter als 2 m
Xie et al. 2007Hustentröpfchen fliegen weiter als 2 m, Nieströpfchen 6 m
Parieta et al. 2011)Hustentröpfchen von 16 μm Größe konnten bis 7 m Entfernung nachgewiesen werden
Bourouiba et al. 2014Partikel von 30 μm Größe wurden beim Husten und Niesen bis 2,5 m nachgewiesen
Wei und Li 2015Bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 80% und einer Ausatmungsgeschwindigkeit von 10 m / s konnten 95% der mittleren Tröpfchen (50 μm) 4 m (~ 13 ft) zurücklegen.
Bourouiba (2016)ballistische Hustentröpfchen fliegen 5 m, Niesen bis zu 8 m
Lee et al. (2019)Die bei 10 Patienten vermessenen Hustentröpfchen flogen über 3 m

Die unmittelbare Ausbreitung der Aerosole und ihr Drift

Schwierigkeiten praktischer Anwendung – Social Distancing unnormal

Masken, Visieren und Plexiglas zur Optimierung der Abstände?

Husten- und Niesetikette im Chor besonders wichtig (kurzer Erläuterungstext)

Die Husten- und Niesetikette, eben in die Armbeuge oder ein Taschentuch zu husten oder zu niesen, und dieses dann zu entsorgen, gehört zum allgemein empfohlenen Maßnahmenrepertoire der Pandemie. Jedoch gibt es im Hinblick aufs Singen zwei

  • Sehr viele Aerosole beim Niesen: Beim Niesen werden sehr viel mehr Tröpfchen und Aerosole produziert als beim Singen und Husten. Man sollte als Chorsänger*in oder Dirigent*in, wenn man Niesen muss, doch unbedingt darauf achten, dass möglichst wenig Tröpfchen und Aerosole überhaupt in die Raumluft entweichen können.
  • Tröpfchen fliegen beim Husten und Niesen besonders weit: Wir sind meistens mit einer grösseren Die Abstandsregeln, die wir beim Chorsingen beachten sollten, resultieren auf Allerdings muss man schon auch den Kopf fastnach hinten legen, um eine solch grosse Reichtweite zu erreichen.

3. Allgemein gute Raumluft: Frischluft im Chor besonders wichtig

Wenn wie gezeigt Aerosole (mindestens) im Chor die wichtigste Übertragungsquelle für Corona-Infektionen sind und wenn man weiss, wie ungleich mehr Aerosole beim Singen entstehen als beim normalen Sprechen und viel mehr noch als beim blossen Atmen und wie die sängerische Atmung leider die Corona-Ansteckungen begünstigt, dann sollte das größte Sicherheitsinteresse der Chöre darin liegen, Aerosolen oder ihrer übermäßigen Produktion aus dem Weg zu gehen.

Neben dem Schutz durch Masken liegt hier der Fokus auf eine effektiven Lüftung. Die Reinheit der Luft, die Zuführung unverbrauchter Frischluft und die grösstmögliche Vermeidung bereits geatmeter Luft, ist tatsächlich im Zweifelsfall entscheidend für unsere Sicherheit in den Chören. In vielen Ländern bin ich jedoch auf Corona-Maßnahmenempfehlungen für Chöre ohne oder nur mit beiläufigen Lüftungshinweisen gestoßen, was offenbar mit der mangelnden Kenntnis des Aerosol-Übertragungswegs zu tun hat. Es ist anzunehmen, dass sich das Bewusstsein wegen der grösseren Aufmerksamkeit um die Aerosolfrage und die immer breitere werdende Erkenntnis mehr und mehr etabliert, dass Corona sich in schlechtbelüfteten Räumen und da, wo viele Menschen in Innenräumen zusammen kommen und besonders dann wenn sie lachen, singen und schreien, am leichtesten ausbreitet. Im deutschsprachigen Raum hatten dagegen die Musiker-Risikoeinschätzungen aus Freiburg und Berlin zu Recht schon frühzeitig und mit gutem Recht auf den Wert guter und gegebenenfalls auch häufiger Lüftung verwiesen. Aber Lüftung ist nicht gleich Lüftung.

Allgemein gute Luft: Outdoor-Singen ungleich sicherer als Indoor-Singen (Erläuterungstext vorhanden)

Solange die Pandemie währt, ist die Outdoor-Situation beim Singen, auch wenn ein Restrisiko durch ungünstige Windbedingungen besteht (auf die man achten kann), der Indoor-Situation unbedingt vorzuziehen. Superspreader-Events sind im Freien nicht zu erwarten. Das Virus hat dort keine Chance, auf viele Menschen gleichzeitig überzuspringen. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass es im Außenbereich per Tröpfchenflug Ansteckungen geben könnte, jedoch sind entsprechende Fälle bislang nicht bekannt geworden. Wenn alle Masken tragen würden, wäre diese Möglichkeit wohl ausgeschlossen. Wenn Regierungen oder Institutionen im Krisenfall das Singen während der Pandemie ganz verbieten, so sollte doch wenigstens die Openair-Variante unter Einhaltungen der genannten Maßnahmen jederzeit möglich sein.

Unter den empfohlenen Schutzmaßnahmen für Chorsänger gehört die Empfehlung, an der frischen Luft zu singen, zu den effektivsten Empfehlungen. Die Risikoeinschätzung des Freiburger Instituts für Musikermedizin kommentiert: “Bei Einhaltung des Mindestabstandes ist das Risiko für das Singen und Musizieren im Freien… als sehr gering einzuschätzen. Für das Musizieren mit mehreren Personen ist… die Openair-Situation die erst Wahl.” Viele Hygienekonzepte für Chöre empfehlen Outdoor-Proben. Nach dem Lockdown im Frühjahr haben einige Hygienekonzepte dies sogar zunächst verbindlich vorgeschrieben. Openair-Singen war als Option nach dem Ende der Lockdowns eine gute Möglichkeit, mit Chören wieder starten zu können und die Sänger zu ermutigen, wieder zu kommen.

Im Sommer ist eine solche Empfehlung natürlich sehr viel leichter umzusetzen als im Winter. Man kann eine Probe auch in den kälteren Zeiten des Jahres in Außen- und Innenprobe aufteilen. Einsingen und das Singen leichterer Lieder geht selbst im Winter draussen, wenn es dunkel ist. Oder man singt sich das innen Erarbeitete im Anschluss draußen nochmals als kleines Konzert vor. Auch können Chöre sich überlegen, ob sie Intensivchorphasen und Konzerte nicht vernünftigerweise unter Einbezug von frischer Luft oder ganz an der frischen Luft (Innenhöfe, Pavillion, Kreuzgänge, offene Hallen usw.) durchführen, um Ansteckungsrisiken zu minimieren.

Kaum Mehrfachansteckungen im Aussenbereich bekannt

Hintergrund der Empfehlung zum Openair-Singen war die Beobachtung, dass Ansteckungen mit Corona im Aussenbereich ungleich seltener stattfinden als im Innenbereich. Am Anfang dieser Erkenntnis standen zwei im April bei MedRxiv (eine Preprintplattform für medizinische Fachartikel) erschienene Auswertungen von Corona-Ausbrüchen in Japan und China, die gleichzeitig auch die Relation von Infektionsherden im Innen- und im Außenbereich untersucht hatten.

  1. Bei einer Auswertung von 110 Ansteckungsfällen aus 11 Clustern ermittelten japanische Forscher, dass in dem Fall das Ansteckungsrisiko im Aussenbereich 18,7-mal geringer war als in Innenräumen. Die Forscher wiesen darauf hin, dass diese Beobachtung die Wirksamkeit von Versammlungsverboten in Innenräumen unterstrich, die China verordnet habe, worauf die Ansteckungen dort zurückgingen.  
  2. Ein noch sehr viel geringeres Infektionsrisiko im Aussenbereich suggerierte eine viel umfangreicher Untersuchung chinesischer Wissenschaftler, worin sie über eine Auswertung der 7234 bestätigten Corona-Fälle in der Provinz Hubei bericheten. Darunter konnten 318 Ausbruchsherde lokalisiert werden, bei der mehr als eine Person infiziert wurde. Lediglich in einem Fall geschah dies im Außenbereich, und dort wurden nur 2 Personen angesteckt. Nie mehr. Die Forscher folgerten daraus, “dass die gemeinsame Nutzung von Innenräumen ein großes SARS-CoV-2-Infektionsrisiko darstellt”, während Outdoor-Ereignisse eine ungleich höhere Sicherheit versprechen.

Diese Forschungen decken sich mit allgemeinen Beobachtungen in vielen Ländern, die in der Folgezeit gemacht wurden, und haben das allgemeine Bewusstsein für die Gefährdungssituation innen und außen verändert. Sie haben viele Wissenschaftler auch davon überzeugt, dass die Gefährdung viel mehr von Aerosolen ausgeht, als von Kontakt- und Tröpfchenübertragungen.
 
In jüngster Zeit wurden jedoch zwei Outdoor-Superspreading-Ereignisse geltend gemacht, die die These vom sichereren Aussenbereich relativeren sollte: der Ausbruch vor dem Weißen Haus mit 40 Infektionen und ein Biker-Treffen im amerikanischen Sturgis (South Dakota), wo im August 2020 über 460.000 Biker zusammen kamen. Bei näherem Hinsehen, worauf auch der Virologe Alexander Kekulé aufmerksam macht, wird die Vermutung durch viele Alternativerklärungen entkräftet. Bei dem Biker-Treffen wurde nächtelang wild in Bars gefeiert, null Auflagen von der Stadt gemacht, Masken nicht getragen, Abstände nicht eingehalten. Ähnlich verantwortungslos war man auch im Weißen Haus, wo man sich umarmte und auch in Innenräumen weiterfeierte.
 
Warum das Ansteckungsrisiko im Aussenbereich viel geringer ist
 
Warum ist das Ansteckungsrisiko nun im Aussenbereich geringer? Oft wurde gesagt, dass der Aussenbereich deshalb sicherer sei, weil dort aufgrund des grösseren Raumangebotes Abstände leichter eingehalten werden können. Das Team vom Freiburger Institut für Musikermedizin erklärt die geringere Ansteckungsgefahr in ihrer Risikoeinschätzung für Musiker jedoch durch diese zwei Umstände:

“Es ist zu vermuten, dass Aerosole sich im Freien schneller verteilen, der Inaktivierungsvorgang der Erreger stark beschleunigt ist (UV, Ozon, Hydroxylradikale, Stickoxide) und in der Gesamtwirkung dadurch das Ansteckungsrisiko viel geringer ist.”

Vielleicht treffen alle Aspekte zu. Jedoch halte ich den Aspekt, dass Aerosole an der Luft sehr schnell verdünnt werden, hier für das führende Argument: Ein grösseres Ausbruchsgeschehen hat rein an der frischen Luft keine Chance, weil dort niemals die Chance besteht, dass viele Menschen gleichzeitig ein so hohe Viruslast über die Luft abbekommen können, wie dies in Innenräumen gut möglich ist. Individuelle Tröpfcheninfektionen können an der frischen Luft jedoch genauso gut stattinden, weshalb es auch hier empfehlenswert ist, die Sicherheitsabstände einzuhalten. 
 
Infektionsgefahr durch Tröpfchenflug im Wind?

Eine Studie an der University of Nikosia (Zpyern) hat gezeigt, dass Tröpfchenwolken durch einen Luftstrom von gerade einmal 15 km/h 6 m weit transportiert werden können, allerdings verlieren sie dabei stetig Höhe, so dass tiefer stehende oder sitzende Personen über weitere Distanzen noch gefährdeter sein könnten. Bislang bin ich jedoch auf keinen Bericht gestoßen, dass sich jemand außen beim Gruppensingen mit Corona infiziert hätte (Kennt jemand gegebenenfalls einen solchen Fall?) Dennoch sollte auch darauf verwiesen werden, dass ungünstige Windbedingungen denkbar sind, besonders dann, wenn ein kontinuierlicher Luftzug stattfindet, durch den auch grössere Tröpfchenwolken weiter als 1,5 oder 2 m transportiert werden können. Solche Situationen sind gut denkbar, wenn der Wind durch das Gelände oder durch die Architektonik kanalisiert wird, denn in der Regel sorgen Turbulenzen dafür, dass die Tröpfchen nicht alle zusammenbleiben. Eine Kanalisierung der Luft könnte dann zu Ansteckungen eines Singnachbarn oder weiter entfernter Sänger führen. In diesem Sinne schreibt auch der Experte für Strömungsmechanik, Prof. Christian Kähler, von der Bundeswehruniversität München:

“Das Musizieren im Freien kann bei Befolgung der Abstands- und Aufstellungsregeln als weitgehend sicher angesehen werden, es sei denn, es herrscht ein leichter und gleichmäßiger Seitenwind, der die kontaminierte Luft über einge größere Entfernung transportiert, ohne dass eine Reduzierung der Virenlast durch Turbulenzen oder eine starke Dehnung der Tröpfchenwolke nach dem Ausatmen stattfindet.”

Prof. Christian Kähler, Strömungsexperte
Allgemein gute Luft: Die notwendige gute und richtige Lüftung von Innenräumen (vorläufiger Kurztext)

Corona breitet sich in belegten Innenräumen besonders gut aus, und auch dann noch besonders, wenn viel gelacht, geschrien und gesungen wird, weil genau dann viele Aerosole entstehen, die potenziell Viren tragen können. Daher ist es für uns in den Chören gerade von besonderem Interesse, wie wir diese Aerosole aus den Räumen abführen können. Vielen ist aber nicht bewusst, 

  • dass eine günstige Belüftung in Innenräumen eine Wissenschaft für sich ist,
  • dass es grosse Unterschiede in der Wirksamkeit von Lüftungsmethoden gibt,
  • dass ein bisschen Fenster öffnen oft kaum Aerosole abführt,
  • dass es für Laien schwer zu entscheiden ist, wann die Lüftung ausreichend ist 

Eine differenzierte Darstellung folgt noch.

Allgemein gute Luft: Große Proben- und Konzerträume – welches Raumvolumen sollte eine Probenraum haben? (Erläuterungstext wird noch erweitert)

Nach Openair-Proben sind große Räume vorerst die beste Wahl, um das Risiko einer Aerosolinfektion im Chor gering zu halten, denn Singen produziert bekanntlich eine Menge von Aerosolen, die im Fall eines oder mehrerer höher infizierten Singenden im Raum die Mitsingenden anstecken könnten. „Kirchenräume, Konzertsäle oder Stadthallen“ schlägt die Risikoabschätzung des Freiburger Instituts für Musikermedizin vor, könnten „auch als Probenräume genutzt werden“.

Wenn man zusätzlich Maßnahmen berücksichtigt wie gute Lüftungskonzepte aller Art, Maskentragen beim Singen, Beseitigung von Viren durch Hepafilter, UV-Strahlung usw. dann kann ein Probenraum auch kleiner sein. Aber wie groß müsste ein Raum sein, um ein Ansteckungsgeschehen möglichst kategorisch auszuschließen, wenn man diese Mittel nicht ergreift? Kann man dazu etwas sagen?

I. Zwei Worst-Case-Szenarien mit Gruppeninfektionen durch Superspreader in einem großen Raum

Tatsächlich kann man hier auf einige Worst-Case-Fälle zurückgreifen, um einen Eindruck zu bekommen, wie groß Räume sein müssten, wenn man keine weiteren Maßnahmen zum Abführen von Aerosolen ergreifen würde. Das ganze ist natürlich abhängig von der Probendauer.

1. Worst-Case-Szenario: Bei 85 Minuten gemeinsamer Singzeit infizierten sich 52 von 60 Sänger im Skagit Valley bei einer Raumgröße von 810 m³

Der bestausgewertete Fall einer Gruppeninfektion im Chor ist der allseits bekannte Fall des Skagit Valley Chorale in Mount Vernon, bei der 53 der anwesenden 61 Chorsänger an Corona erkrankten. Zwei Forschungsteams haben das Ansteckungsgeschehen im Mai und im Juni 2020 ausgewertet. Auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeitsberechnungen, kamen Sie zu dem Schluss, dass das Ansteckungsgeschehen am besten erklärt wird, wenn man nur von einer Infizierten Person ausgeht. Zum Zeitpunkt der Infektion waren in Skagit Valley noch keine Infizierten bekannt, die ersten aber im eine Fahrstunde entfernten Seattle. Der Chor probte in einer mäßig kleinen modernen Kirche (Bild unten). Das Raumvolumen des angeschrägten Kirchensaals wurde auf 810 m³ ausgemessen. Auf der Grundlage mathematischer Berechnungen wurde ermittelt, dass die hochinfektiöse Person in der Zeit (mit einer hohen Streubreite) etwa 970 Quanta an Viren emittiert haben muss. Ein Quantum ist die Infektionsdosis, die es für eine Ansteckung benötigt. Auf der Grundlage dieser Berechnungen erstellte der hier bereits mehrfach zitierte Aerosolwissenschaftlicher Prof. Luis Jose Jimenez das vermutlich erste Internettool zur Berechnung von Raumgrößen in verschiedenen Alltagssituationen. Jimenez sagte übrigens, dieser Fall von Mount Vernon habe ihn generell erst von der Aerosolansteckung überzeugt.

Trotz vieler klarer Daten bleibt die Aussagekraft mit etlichen Unsicherheiten behaftet. Das gesamte Event dauerte 2 ½ h. Unterwegs gab es eine viertelstündige Pause. Zwischendurch probte der Chor in zwei Teilgruppen. Dies gesamte gemeinsame Probenzeit betrug 85 Minuten. Mitglieder aus beiden Gruppen wurden gleichermaßen krank. Eine Zeitlang wurde die Luft durch eine Klimaanlge ausgetauscht, dann stoppte die Klimaanlage. Wann das war, ist nicht mehr rekonstruierbar.

In dieser Zeit steckte einer der 61 Anwesenden 52 andere so an, dass sie Corona-Symptome entwickelten, zum Teil auf die Intensivstation kamen und 2 starben. Es ist durchaus möglich, dass alle SängerInnen infiziert wurden, 8 von ihnen aber symptomlos blieben. Es ist auch nicht genau zu sagen, wann die Sänger die Virusdosis überschritten hatten, die sie krank machte. Hätten statt 85 Minuten auch schon 75, 65 oder auch nur 50 Minuten bei gleicher Raumgröße dafür gereicht, dann wohl aber gesamthaft mildere Erkrankungen provoziert? Die Schwere etlicher Erkrankungsfälle dort deutet auf eine hohe Infektionsdosis hin.

Um einen Eindruck von der Kirchengröße zu bekommen, in der die Gruppenansteckung geschah: Die Presbyterian Church in Mount Vernon (Quelle: Google Street View)

2. Worst-Case-Szenario: Nach einer 2 ½ stündigen Chorprobe infizierten sich 60 von 80 Anwesenden bei der Berliner Domkantorei in einerm Raum von 120 m² Fläche und (vorläufig geschätzten) 1000 m³.

Da auch dieser Fall größere Aufmerksamkeit erregte, sind auch hier einige Daten bekannt. Der Chor probte am 9. März 2020 mit 78 Sänger*innen, Dirigent und Korrepetitorin 2 ½ Stunden abzüglich Pause in einem 120 m² großen Raum. Da sich Aerosole, die nicht abgeführt werden, jedoch nach und nach gleichmäßig im Raum verteilen, ist das Raumvolumen wichtiger als die Fläche. Bilder im Internet zeigen die hohe Raumhöhe (geschätzt 8 m), so dass das Raumvolumen bei 1000 m³ liegen dürfte. Ob in der Pause gelüftet wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Auch hier wurde klar, dass die Ansteckung über Aerosole stattgefunden haben muss. Dirigent und Korrepitorin befanden außer Spuckweite von den Sängern und der Dirigent rund 7 m von der hochinfektiösen Person entfernt. Drei Viertel aller Anwesenden (also 60 von 80) erkrankten von leicht, bis schwerer – mit großer Wahrscheinlichkeit und den Symptomen nach an Corona. 30 von ihnen wurden positiv, die übrigen gar nicht getestet. Denn damals ging es bei den Ansteckungen allgemein drunter und drüber und die Testkapazitäten fehlten noch. Es starb jedoch niemand. Möglicherweise war hier die Infektionsdosis geringer als im Skagit Valley Chorale. Andererseits hat der Chor auch einen vergleichsweise niedrigen Altersdurchschnitt. Nach allem, was man heute über das Verhältnis von symptomatisch und asymptomatisch Infizierten weiß, würde es ins Bild passen, wenn sich die verschonten 20 Sänger*innen als asymptomatisch infiziert herausgestellt hätten, wenn man sie nur getestet hätte.

II. Weniger Ansteckungsgefahr durch einen Superspreader bei gleicher Raumgröße und kleinerer Besetzung?

Immer wieder wurde auch in meinem Umfeld gesagt, dass die Ansteckungen dort prozentual so hoch waren, weil eben sehr viele Menschen dicht gedrängt in den beiden Räumen waren. Dem liegt ein Denkfehler zugrunde. Für die Ansteckungen über die Luft ist es ohne Belang, wie viele Menschen gleichzeitig im Raum anwesend sind. Die beiden beschriebenen Fälle wurden nur deshalb so bekannt, weil sich hier zwei große Chöre in beträchtlichem Umfang infiziert haben. Die beiden anfänglich infizierten, hochinfektiösen Sänger*innen in den den Chören, die hier ihre Mitsingenden infiziert haben, hätten genauso gut auch die Sänger*innen eines kleineren Chors infizieren können – logisch betrachtet sogar besser, denn so wurden nüchtern betrachtet bereits von der großen Sängerschar viele Viren in der Luft aufgenommen.

Es stimmt: Die Wahrscheinlichkeit, einen Superspreader im Chor zu haben, ist bei einer kleiner Gruppe natürlich viel geringer. Aber wenn denn einer da ist, dann könnte es für die Anwesenden besser kommen, wenn mehr Menschen im Raum sind, die die Viren wegatmen können – und so salopp gesagt als Luftfilter wirken. Ich weiss aber nicht, wie stark sich dieser Effekt gegebenenfalls bemerkbar machen würde.

Artikel wird fortgesetzt

4. Belange günstige Abstände und gute Raumluft übergreifend: Masken, Visiere, Plexiglasscheiben (noch ohne Inhalt)

5. Selektionsverfahren: Kranke und Ansteckende fernhalten

Bei den bisherigen Schutzmaßnahmen ging es darum, wie sich Singende in einer Gruppe vor eine Ansteckung vor Ort schützen können. Sehr wichtig sind aber auch die von Anfang der Pandemie an gemachten Überlegungen, was man tun kann, damit potenziell infektiöse Personen erst gar nicht zum Gruppengesang kommen und dort andere infizieren können. Dazu bieten sich einige nützliche und weniger nützliche Mittel, die erwogen werden oder bereits schon etabliert sind. Sehr wichtig ist der Aufruf, dass alle Kranken und solche, die coronaspezifische Symptome verspüren, unbedingt sofort zuhause bleiben sollen, wenn sie die ersten Symptome verspüren. Wenig effektiv (bzw. wenig Mehrnutzen zu bringen) scheint dagegen die vielfach empfohlene Temperaturkontrolle am Eingang zu sein. Schnelltests können wohl eine weitgehende sichere Zone schaffen. Hier stellt sich jedoch die Frage nach Kosten und Praktikabilität. Erste Studien aus Israel und England legen nahe, dass Geimpfte deutlich weniger ansteckend sind. Insofern werden wohl auch Chöre nicht umhin können, in eine Diskussion zu Ethik und Praktikabilität impfungsbezogener Zugangsbeschränkungen einzusteigen.

Selektionsverfahren: Sofort zuhause bleiben bei Symptomen
Da die Viruslast und damit die Fähigkeit, andere zu infizieren, am Tag vor Ausbruch der Symptome am höchsten ist und bei Auftritt von Symptomen bereits sinkt, ist es zwingend nötig, nicht zu zögern, wenn man erste coronaspezifische Symptome bei sich feststellt, sondern sofort zu reagieren und einem Gesangsevent fernzubleiben.

Die Anweisung, zuhause zu bleiben, gehört zum Standardrepertoire von Hygienekonzepten und wurde uns von den Gesundheitsbehörden der verschiedenen Länder von Anfang an eingebläut. Zu Recht. Die Anweisung leuchtet unmittelbar ein, da man ja davon ausgeht, dass ein Kranker ansteckend ist, und man verhindern möchte, dass die Krankheit sich weiter ausbreitet.

Leider können aber aufgrund der ungünstigen Ansteckungsdynamik von Covid-19 durch diese Strategie nicht alle Infektiösen von einer Probe ferngehalten werden, selbst wenn jeder dem Aufruf sofort folgen würde. Denn wie schon früh in der Pandemie gezeigt wurde, gibt es einen sehr hohen Prozentsatz von Menschen, die vor Ausbruch von Symptomen andere infizieren können und einen wohl geringeren von solchen, bei denen überhaupt nie Symptome auftreten. Eine in Nature veröffentlichte Studie von Forschern aus Guangzhou und Hong Kong schätzten auf der Grundlage ihrer Daten ab, dass sich 44 % der Ansteckungen ereigneten, bevor bei den Überträgern Symptome ausbrachen (He et al. 2020). Andere Forscher schätzen diese Zahl als zu hoch ein (vgl. etwa Slifka et Gao 2020). Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass Präsymptomatische innerhalb von Familien das Virus weit weniger weitergegeben haben. Die mathematische Modellierung eines englischen Teams um Christophe Fraser auf der Grundlage verschiedener Studien kommt in einer in Science veröffentlichten Studie zu folgender Ansteckungsverteilung mit deutlichem Überhang von symptomlosen Ansteckungen: 46 % präsymptomatisch, 6 % gänzlich asymptomatisch, 38 % symptomatischen, 10 % über Kontaktübertragungen (Feretti et al. 2020).

Wo die Wahrheit hier auch immer liegt. Zwei Dinge sind klar: Auch wenn Coronaskeptiker asymptomatische Übertragungen leugnen, sind diese durch viele Studien bewiesen, und es ist mit ihnen jederzeit zu rechnen. Zum anderen ist die Beobachtung wichtig, dass die Infektiosität einer Person abhängig von der Viruslast in den Atemwegen des Übertragers ist und durch welches Medium die Infektion weitergegeben wird. Da Aerosole im Vergleich zu Oberflächen oder Tröpfchen am besten und mit den geringsten Mengen an Viren flächenddeckend in der Lunge anstecken können und beim Singen in großer Zahl entstehen, ist auch plausibel, warum es bei Chören wiederholt durch asymptomatische Überträger zu Superspreadingevents gekommen ist und warum man mit diesem Weg dort weiter rechnen muss.

Die Virenmenge aber ist in den Tagen vor Symptombeginn und zu Symptombeginn am größten und fällt danach (zumindest eine Weile) Tag für Tag stetig und steil ab. Eine öfter zitierte Graphik soll schematisch u. a. den Verlauf der Viruslast während einer Infektion angeben. Sie zeigt den Höhepunkt zu Symptombeginn und, wie die Kurve danach sofort fällt.

Quelle: MVZ Institut Mikroökologie GmbH

Tatsächlich aber kommt eine Metastudie, also eine Auswertung vieler Studien (in diesem Fall: 115), zu dem Befund, dass die Viruslast vor Ausbruch der Symptome am höchsten ist und bei Symptombeginn bereits im Rückgang begriffen ist (Benefield et al. 2020) – umgesetzt in der folgenden Graphik.

Quelle: Benefield et al. 2020

Der optische Eindruck der Graphik täuscht, da es sich nicht um eine lineare, sondern um eine exponenzielle Darstellung handelt. Man sieht, dass die Viruslast zu Symptombeginn schon durchschnittlich und nicht undeutlich niedriger liegt und in den Tagen der Krankheit in Größenordnungen abnimmt, bis nach einigen Tagen die Infizierten kaum noch infektiös sind.

Auf die Chorsituation übersetzt heißt dass: Da im Chor in jedem Fall die Aerosole die Hauptüberträger des Virus sind und diese hauptsächlich durchs Singen generiert werden, ist die Ansteckungsgefahr leider von präsymptomatisch Infizierten am höchsten, während sie mit Symptombeginn zunehmend zurückgeht. Daraus folgt, dass die Maßnahme, einem Gesangsevent beim Fühlen von coronaspezifischen Symptomen fernbleiben zu sollen, wenn sie denn noch einen großen Effekt haben soll, unbedingt sofort umgesetzt werden sollte, sobald man ein erstes coronaspezifisches Symptom verspürt. Und das unbedingt auch im Fall von Unsicherheit, ob ein solche spezifisches Symptom tatsächlich der Anfang einer Coviderkrankung darstellten könnte.

Temperaturmessung am Eingang (noch ohne Inhalt)

Schnelltests (noch ohne Inhalt)

Impfung (noch ohne Inhalt)

6. Probenplanung: Probenfrequenz, Intensiv- und Konzertphasen

Probenfrequenz: Umsichtige Intensiv- und Konzertphasenplanung

Chöre sind wohl kaum mehr für kleinere oder größere Ausbrüche empfänglich, wenn nicht gerade ein einzelner Superspreader mit einer sehr hohen Viruslast einen Chor in einer einzigen Probe ansteckt, als in Intensiv- und Konzertphasen. Die Gründe dafür sind mehrschichtig. Ein Teil von ihnen resultiert aus der Dynamik im Chor:

  • Mehr aufeinanderfolgende Gesangsanlässe: In Intensiv- und Konzertphasen gibt es in der Regel vielmehr auf einander folgende Proben, die eine schleichende Durchinfektion im Chor ermöglichen könnten.
  • Mehr Aerosole pro Zeiteinheit: In Intensiv- und Konzertphasen produziert die gleiche Anzahl an Singenden in der gleichen Zeit wohl viel mehr Aerosole als in Proben des normalen Probenzyklus zuvor. Denn nachdem in vorhergehenden Proben mehr mit einzelnen Stimmen oder in kleineren Einheiten geprobt worden ist, wird nun viel mehr und viel länger zusammen gesungen.
  • Allgemein bessere Anwesenheit: In Intensiv- und Konzertphasen sind zumeist mehr Sänger anwesend als im normalen Probenzyklus zuvor, wo man sich eher einmal herausnehmen kann zu fehlen.
  • Moralische Verpflichtung: In Intensiv- und Konzertphasen fühlen sich Sänger*innen viel mehr moralisch verpflichtet, dabei zu bleiben, auch wenn etwa Ansteckungszahlen gleichzeitig im Umfeld steigen. Außerdem freut man sich ja auch auf die Konzerte und möchte dabei sein, wenn die Ernte mühsamer Probenarbeit eingefahren wird.

Zu diesen chorspezifischen Aspekten treten nun coronaspezifische Aspekte hinzu, die man bei der Konzertplanung allenfalls bedenken sollte:

  • Die Inkubationszeit: Symptome können sich zwar bereits nach 1 bis 2 Tagen zeigen. Jedoch haben Forscher eine durchschnittliche Inkubationszeitvon 5,1 Tagen errechnet. Je mehr Menschen sich im Chor infizieren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Infektion bereits vor dieser Zeit entdeckt wird.
  • Die Latenzzeit: Die durchschnittliche Latenzzeit bei einer Coronainfektion (die Zeit zwischen der eigenen Ansteckung und dem Moment, wo man selbst ansteckend wird) beträgt 2,5 bis 4 Tage.
  • Die Zeit grösster Infektiosität: Verläuft Corona dem Durchschnitt gemäß, sind Personen bereits nach 3 bis 4 Tagen nach der Ansteckung am meisten infektiös (1 bis 2 Tage vor Symptombeginn ist die Viruslast im Durchschnitt am höchsten ermittelt worden, so man denn überhaupt die Chance hatte, das zu ermitteln, da ja die meisten Fälle erst nach Symptombeginn aufgespürt werden. D. h. die Ansteckenden merken noch gar nichts von der Gefahr, die allenfalls von ihnen ausgeht.

Anhand dieser Aspekte kann man nun berechnen, welche Strategie, die nicht anderen Zwängen folgt, am meisten geeignet ist, um eine breite Infektion innerhalb des Chores zu umgehen. In jedem Fall wird aus den genannten coronaspezifischen Aspekten deutlich, dass ein Probenwochenende als Intensivprobenphase nach Möglichkeit nicht unmittelbar vor einem Konzertwochenende stattfinden sollte.

7. Weitere Schutzmaßnahmen

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