Risiko und Spät- und Langzeitfolgen

Inhalt dieses Menüpunkts:

I. Das Risiko freiwillig in Kauf nehmen?

II. Atmung, Stimme und Körperkraft existenziell wichtig für Sänger und Chorleiter

III. Corona: Fehlalarm oder gefährlich?

  1. Corona ist ein hochgepuschte Krankheit, eine einfache Erkältung und nicht gefährlicher als die Grippe?
  2. Verstorbene waren ohnehin dem Tod geweiht und sind nicht an, sondern mit Corona verstorben? Falsch und zuviel deklarierte Tote verfälschen die Corona-Statistik?
  3. “Ich bin jung, gesund, habe ein starkes Abwehrsystem und deshalb keine Angst vor Corona. Mir wird nichts passieren.” Stimmt das?
  4. “Ich bin immun, weil ich mich selbst bei Infizierten in der Familie nicht angesteckt habe” Stimmt das?

IV. Spät- und Langzeitfolgen: Ausnahmen oder verbreitetes Risiko?

V. Konkrete Studien: Vorstellung und Einordnung konkreter Studien zur Thematik Spät- und Langzeitfolgen

  1. Ähnliche Spätfolgen wie bei verwandten Krankheiten wie SARS und MERS?
  2. Konkrete Studien zu Langzeitfolgen von Covid-19 bei Hospitalisierten
  3. Schäden und Folgeschäden auch bei asymptomatisch Infizierten und mild symptomatisch Erkrankten – lange Genesungsphase oder bleibende Beeinträchtigungen?
  4. Allgemeine mögliche Spätfolgen nach Corona-Symptomen
  5. Studien über Folgeschäden bei Sängern und Erfahrungsberichte von Sängern
  6. Lichtblicke – Therapien und Besserungen

In dem vorliegenden Menüpunkt versuche ich – work in progress – über die möglichen Folgewirkungen von Coronainfektionen zu informieren. Staatliche Sicherheitsmaßnahmen werden zu allererst einmal verordnet, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und die Zahl der Corona-Toten niedrig zu halten. Das ist phasenweise gut und phasenweise nicht gut gelungen. Die Frage nach möglichen Langzeitfolgen – eine Thematik, die erst allmählich ein größeres Gewicht bekommt und die nun (Februar 2021) auch die WHO eine wichtige Priorität bei der Coronathematik einräumt – steht dabei nicht im Vordergrund. Für professionelle Sänger (Vokalathelten) und für Chorleiter betreffen diese Fragen aber ihre berufliche Existenz und spielen eine viel größere Rolle als etwa für Laiensänger, die im Zweifelsfall in vielen Chören auch noch mit reduzierter Kraft mitsingen können. Aber letztlich sollte jeder darüber informiert sein, welches Risiko er sich mit einer Infektion einhandelt (ganz abgesehen davon, dass er durch Fahrlässigkeit andere Menschen ebenfalls in Gefahr bringen und die Pandemie in Gang halten kann).

I. Das Risiko freiwillig in Kauf nehmen?

Das Risiko freiwillig in Kauf nehmen? – Erläuterungstext

Die vorangegangenen Menüpunkte haben gezeigt: Aerosole sind gute Virenträger, und Gemeinschaftssingen begünstigt aktuell leider die Übertragung von Corona durch Aerosole, wenn nicht zielgerechte Schutzmaßnahmen ergriffen werden, um dies zu verhindern. Aber das ist nur eine von mehreren Seiten, die es zu betrachten gilt. Und es gibt durchaus auch berechtigte andere Fragen und Sorgen als die vor einer Ansteckung mit Corona. Sind die Kosten zu Bekämpfung der Pandemie sinnvoll eingesetzt, oder resultiert am Ende mehr Not aus den Maßnahmen. Freiheiten sind eingeschränkt. Psychische Nöte gibt es allenhalben, Gruppensingen kann hier aktuell nicht einmal Abhilfe leisten. Für Chöre und Musiker konkret: Das liebste Hobby vieler Chorsänger*innen wird durch Corona und die damit verbundenen staatlichen Maßnahmen ausgebremst. Chöre sterben. Chorleiter*innen und professionelle Ensemblesänger*innen (und viele andere) haben Finanzsorgen und Angst um ihre berufliche Zukunft. Da sind viele Laien wie Profis bereit, die mit Corona verbundenen Risiken in Kauf zu nehmen, um möglichst umfänglich weitermachen zu können, so gut es eben von staatlicher Seite aus erlaubt ist. Für Laiensänger*innen ist die Entscheidung dabei einfacher: Wer sich Sorgen, um seine Gesundheit macht, entscheidet sich vielleicht einfach für eine Chorpause, bis sich die Situation wieder entspannt, oder hört vielleicht ganz mit dem Singen auf. Bei den Profis kann die Gesundheit jedoch der beruflichen Existenz ein Ende bereiten.

Nachdem sich die anfänglichen Befürchtungen einer Todesrate von 4 % der Corona-Infizierten nicht bestätigt hat, ein höherer Prozentsatz der Infizierten keine oder nur leichte Symptome entwickelt, und viele die Gefahr, sich mit dem Virus zu infizieren, herunterspielen oder sogar leugnen, sind auch professionelle Musiker wie Laienchorsänger mehr bereit, das Risiko einer Infektion selbst oder stillschweigend auch bei anderen in Kauf zu nehmen oder das sogar von anderen zu fordern, wenn man nur seinem Beruf weiter nachkommen oder die Chöre durch Aktivität und Attraktion am Leben erhalten kann. Es wird uns schon nicht viel passieren. Es sind ja vor allem die Alten und Vorerkrankten, die das Risiko tragen. Wirtschaftler und zum Teil Ärzte dachten bekanntlich auch über den Versuch nach, unter Schutz der Alten und Risikogrüpplern die Bevölkerung sich infizieren zu lassen, um die ersehnte Herdenimmunität zu erreichen, die alle schützen soll.

Es zeigt sich immer mehr, dass das Virus ein “Alleskönner” ist, der auf sehr vielen Ebenen im Körper beträchtlichen Schäden anrichtet. Nach und nach wird deutlicher, dass Corona nicht einfach nur eine Lungenkrankheit ist, sondern vergleichbar einer Blutvergiftung viele Organe im Körper in Mitleidenschaft ziehen kann. Viele und darunter selbst nur schwachsymptomatisch Infizierte klagen monatelang über Erschöpfung (Fatigue) und Atemnot. Forscher wissen heute, dass Corona auch unter der wahrnehmbaren Oberfläche selbst bei Hospitalisierten, aber auch selbst bei nur asymptomatisch Infizierten erhebliche Schäden an Herz, Lunge, Niere, aber auch an anderen Organen verursachen kann, aus denen unerwartete Spätfolgen wie Herzinfarkte, andere Herzkrankheiten, Schlaganfälle, Dialyseabhängigkeit usw. resultieren können. Jeder achte ehemals hospitalisierte Patient starb einer englischen Studie zufolge innerhalb von 140 Tagen nach seiner “Genesung” und Krankenhausentlassung (Ayoubkhani et al. 2021). 30 % von ihnen muss wieder ins Krankenhaus eingeliefert werden. Wieviele Folgen bleiben wohl lange unentdeckt?

Ist denen also, die eine Ansteckung freiwillig in Kauf nehmen und Eigenverantwortung einfordern, oder auch den Staatenlenkern, die auf Eigenverantwortung setzten, die Gefährdungssituation durch Spät- und Langzeitfolgen überhaupt bewusst? Sollte alles, was erlaubt ist, unter Corona-Bedingungen auch ausgereizt werden? Zu solchen Fragen ist Aufklärung, die auch ich mit mit dieser Internetpräsenz verfolge, nötig.

Dr. Klose, Lungenarzt an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und Leiter einer Studie zu Folgeschäden von Corona, warnt auf dem Hintergrund seiner diesbezüglichen Erfahrungen vor dem leichtfertigen Umgang mit Corona:

“Es ist naiv, ausschließlich auf die Eigenverantwortung der Menschen zu setzen. Zur Eigenverantwortung gehört Wissen, und das können wir nicht bei jedem voraussetzen.”

PD. Dr. Hans Klose (Studienleiter Folgeschäden)

Ärzte, die ursprünglich für die Durchinfektion zwecks Herdenimmunität plädiert haben, sind angesichts der Bandbreite und Schwere der Spätfolgen von ihrer Meinung abgerückt sind und sagen:

Dieses Virus will ich auf keinen Fall bekommen”. 

Wer das Risiko einer Ansteckung freiwillig in Kauf nimmt, da er sich vielleicht fit fühlt oder von seinem Alter her nicht durch ein großes Sterberisiko bedroht sieht, sollte zumindest aufgeklärt sein, was ihn auch an sonstigen Folgen erwarten kann. Ärzte, die sich mit Langzeitfolgen von Corona – auch nach milden Verläufen – beschäftigen, würden das Risiko unter diesen Umständen nicht in Kauf nehmen.

II. Atmung, Stimme und Körperkraft existenziell wichtig für Sänger und Chorleiter

Atmung und Körperkraft existenziell wichtig für Sänger und Chorleiter – Erläuterungstext

Speziell im Hinblick auf den Chorgesang sind nun vor allem zwei oft genannte Spät- und Langzeitfolgen von hohem Interesse und für Chorleiter wie Chorsänger von entscheidender Bedeutung: Lungenschäden und Erschöpfungssyndrom bzw. Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Atem und Kraft sind für einen Chorleiter noch wichtiger als im Besitz einer funktionierenden Stimme zu sein. Während im professionellen Bereich betagte 90-jährige Dirigenten mit Minimalaufwand Sinfonien und Oratorien zum Erklingen bringen können, weil jeder professionelle Instrumentalist und Sänger weiss, welche Energie er zum idealen Spiel aufbringen muss, sind Laiensänger viel mehr auf die vorgelebte Energie ihrer Leiter angewiesen, damit das Instrument Chor überhaupt zum Klingen kommt. Der Chorleiter atmet mit und die Sänger spiegeln ihn. Ein guter Sänger, und im besseren Fall auch dern Chorleiter, ist so etwas wie ein Vokal-Athlet. Die alten Italiener sagten: „ Qui sa respirare, sa cantare“ (dt. „Wer zu atmen weiss, der weiss zu singen“).

Wer hier als Profi alles möchte, sollte sich klar machen, dass es nicht nur um die momentane Situation geht, sondern auch darum, welches Risiko er eingeht, eventuell seinen Beruf ganz aufgeben zu müssen, wenn er sich mit Corona infiziert. In diesem Sinne warnt der amerikanische Stimmenarzt und Bariton Prof. David Meyer, Direktor des Janette Ogg Voice Research Center am Shenandoah Conservatory, in einer wissenschaftlichen Fachexpertise für die amerikanischen Gesangslehrerverbände vor einer leichtfertigen Coronainfektion selbst mit asymptomatischen Verläufen. Darin bringt er die Sache so auf den Punkt:

“Wir geraten in Schwierigkeiten, wenn wir unser Atemkraft verlieren… Wir sind Vokalathleten… Wir haben nur einen Weg, dem Singen Kraft zu geben und das ist unser Atem… Für Sänger und Gesangslehrer kann eine reduzierte Funktion der Lunge das Ende ihrer Karriere bedeuten.”

Stimmforscher und Sänger Prof. David Meyer

In den USA, wo es bekanntlich bereits seit längerem sehr viele Ansteckungen gab, sind die Folgeerscheinungen von Corona bereits auch für Sänger und Chorleiter gegenwärtig. Und so ruft die amerikanische Gesangslehrervereinigung NATS, die sich wie die dortigen Chorverbände auch viel intensiver mit der Gefährdung durch Corona auseinandergesetzt haben als viele Chorverbände in Europa, bereits nachdrücklich dazu auf, zur Verhinderung insbesondere der Fatigue beim Singen Schutzmaßnahmen zu ergreifen, sich nicht von anderen drängen zu lassen und ermutigt dazu, Selbstschutz nicht als Egoismus zu begreifen und dies zum eigenen Schutz auch anderen gegenüber zu verteidigen.

Quelle: http://www.nats.org

Aber auch die Funktionsfähigkeit der Stimme scheint bei vielen kurzfristig bis längerfristig nach einer Corona-Erkrankung zu leiden. Viele Genesene leiden an einer Dysfunktion der Stimme (Vocal fatigue). Stimmbandlähmungen sind möglich. Wer beatmet werden musste, muss sich auch um die weitere Funktionsfähigkeit seiner Stimme Sorgen machen, da durch den Luftschlauch die Stimmbänder verletzt werden können.

Die Autoren eines Dossiers zur besonderen Gefährdung (Helding et al. 2020) beim Singen, insbesondere durch die Langzeitfolgen warnen eindringlich:

“Diese Risiken sollten von allen Personen berücksichtigt werden, die singen, unabhängig davon, ob es sich um professionelle Interpreten, professionelle Gesangslehrer oder Berufssänger handelt, für die wöchentliche Chorübungen eine Quelle sozialer Verbindung und des Zusammenhalts der Gemeinschaft sind.”

Atmung und Körperkraft sind neben der Stimme enorm wichtig für Sänger (Vokalathleten) und Chorleiter. Wer etwa durch Corona Probleme in diesen Bereichen bekommt, kann leicht seine Berufsfähigkeit aufs Spiel setzen.

III. Corona: Fehlalarm oder gefährlich?

In der Anfangzeit der Pandemie wurde die Todesrate bei Corona vielfach erheblich zu hoch eingeschätzt. Zum Teil als Reaktion darauf, aber auch aus anderen Motiven, kursieren viele Einschätzungen im Netz, die nicht immer nur als Fakenews abgetan werden können, sondern auch von Wissenschaftlern propagiert werden, jedoch durch unvollständige Argumentation oder einseitige Blickwinkel eine ähnliche Verzerrung in die Gegenrichtung bewirken. Ich lasse mich hier nicht auf eine breite Diskussion ein, sondern greife nur ein paar wichtige dieser Argumente heraus, die mir für die Beurteilung der Chorsituation relevant erscheinen.

Corona hat die Gesellschaft und leider auch in den Chören – eine sehr bedauerliche Entwicklung – polarisiert, weil die Gefährdung sehr unterschiedlich beurteilt wird. Viele sind der Meinung, dass Corona völlig überbewertet wird und die große Aufmerksamkeit gar nicht verdient. Der Glaube, dass viele Corona-Tote zu Unrecht in der Statistik auftauchen, die Statistik überhaupt aufgebauscht, Corona nicht schlimmer als die Grippe und nur eine einfache Erkältung ist, auf die völlig und ungerechtfertigt übertrieben reagiert werde, ist trotz hoher Todeszahlen und belegter Intensivstationen mit überlastetem Pflegepersonal weit verbreitet. Einen nicht geringen Anteil an der Etablierung solcher Ansichten haben widersprüchliche Medienberichte, fachlich argumentierende prominente Corona-Kritiker wie der frühere deutsche Bundestagsabgeordnete und Arzt Wolfgang Wodarg oder der Infektiologe Prof. Sucharit Bhakdi, aber auch viele halbseidene Informationen, die in den Social Media die Runde machten. Fehlinformationen verbreiten sich dort leider oft viel schneller als Aufklärendes.

Wer sich mit dem Für und Wider näher auseinandersetzen möchte, kann etwa das Buch Corona Fehlalarm? von Prof. Sucharit Bhakdi und seiner Frau Dr. Karina Reiss lesen, dessen Einfluss schon allein die Hochplatzierung auf den Bestsellerlisten anzeigt, oder auch die Statements von Wolfgang Wodarg. Auch wenn viele hier geäußerte Punkte und Einwände bedenkenswert sind und Beachtung verdienen und Positionen zum Ausdruck bringen, die auch von anderen Wissenschaftlern geteilt werden, sollte man dann doch auch unbedingt Faktenchecks etwa auf den Seiten www.volksverpetzer.de oder www.correctiv.org wahrnehmen, die hier zum Teil gravierende Falschinformationen nachweisen und Thesen relativieren. Man sollte auch zur Kenntnis nehmen, dass eine grosse Mehrheit von Wissenschaftlern mit ähnlicher Reputation und mit grossem Fachwissen nicht hinter vielen der dort aufgestellten Thesen steht. Es bringt nichts, sich durch die Lektüre zum Kreis der Eingeweihten zu rechnen, die nun “Bescheid wissen”. Auch wenn die Mehrheitsmeinung nie zwangsläufig die richtige sein muss und sich auch wandeln kann (man denke nur an den auf dieser Webseite geschilderten Bewusstseinswandel in Sachen Aerosolansteckung), funktioniert Wissenschaft nicht so, indem polarisierende Pole einfach unvereinbar stehen bleiben und man sich aufgrund unterschiedlicher Meinungen von Fachleuten seine Wahrheit selbst aussuchen kann. Im normalen wissenschaftlichen Diskurs würden kritische Stimmen wie die von Prof. Bhakdi und Wodarg gehört und dann auch relaviert. Dass dies wenigstens zum Teil nicht geschieht, stärkt verständlicherweise bei vielen nicht gerade das Vertrauen in die von Medien mehrheitlich publizierte Mehrheitsmeinung.

Ich möchte gar nicht auf die Diskussion zu vielen der von Corona-Skeptikern aufgeworfenen Fragen einsteigen und mich hier aufs Glatteis bewegen, zumal es mit dem Anliegen dieser Seite nichts zu tun hat. Aber ich möchte wenigstens einigen der wichtigsten relativierenden Thesen der Corona-Kritiker streifen, insofern sie für die Thematik der vorliegenden Seite relevant sind und die ich im Zusammenhang mit diesem Menüpunkt so nicht stehen lassen möchte, weil sie nicht stimmen. Dabei geht es gar nicht darum, dass viele vorgetragene Einwände, die das gesellschaftliche Leben, die Einsetzung oder Verpulverung von Geld zur Bekämpfung der Pandemie, Einschränkungen und die psychologischen Folgen betreffen, die von Corona-Kritikern geäußert werden, nicht unbedingt bedenkenswert sind und in die Wagschale geworfen werden können, sondern nur um das, was die reine Risikoeinschätzung anbelangt.

1. Corona ist ein hochgepuschte Krankheit, eine einfache Erkältung und nicht gefährlicher als die Grippe?

Viele behaupten, Corona sei eigentlich eine einfache Erkältung, wie sich die Krankheit ja tatsächlich bei vielen nur zu äußern scheint. Wodarg, Bhakdi und andere haben auf Statistiken zur Influenza verwiesen, die für manche Jahre ähnlich hohe Todesraten bei Influenza aufweist, wie jetzt bei Corona zu sehen ist. Bereits Anfang des Jahres vermuteten einzelne Forscher, dass es eine sehr hohe Dunkelziffer an Corona-Infizierten von vielleicht 95 % gebe. Die Fallsterblichkeit sei tatsächlich viel niedriger. Gerne wird hierbei auch eine Statistik des amerikanischen Epidemiologen John Ioannidies bemüht, derzufolge die Fallsterblichkeit nur bei 0,23 % liegen soll. Corona also so etwas wie eine schwächere Grippe?

Wichtige Gegenargumente sind:

  • Es hat tatsächlich in wenigen Jahren eine mit Corona vergleichbare Mortalitätsrate (Tote pro Einwohner) bei einzelnen Ausbrüchen der Grippe gegeben (Sicher kann man sich dabei aber nicht sein, ob die Grippe oder nicht vielleicht ein Bündel mehrerer winterlicher Erkältungskrankheiten hier die Hauptursache war, weil die Rate anders als bei Corona nicht auf der Grundlage von Tests, sondern vor allem durch Schätzung auf der Grundlage der Übersterblichkeit eines Zeitraums ermittelt wurde). Dennoch ist der Vergleich in jedem Fall irreführend da die Fallsterblichkeit bei Corona sehr viel höher ist. In manchen Jahren trugen 10 bis 20 Mio. Deutsche das Grippevirus in sich. Würde diese Zahl durch eine ungebremste Infektion bei Corona erreicht, dann wäre die Zahl der Coronatoten ungleich (10 bis 20 x) höher. Und die Ausbreitung der Krankheit würde dank fehlender Immunität und bislang (November 2020) noch fehlender Impfmöglichkeit noch viel umfassender sein.
  • Die hohe Dunkelziffer von einem entdeckten Fall auf 20 Infizierte stimmt nicht. Die erste mir aktuelle bekannte Dunkelzifferstudie fand bereits im April nach der 1. Welle in Österreich statt und ergab nur einen Faktor 3,5. Auch wenn die Dunkelziffer noch höher liegen sollte (vielleicht etwa bei dem Faktor 6), liegt sie weit entfernt von den vermuteten 95 %.
  • Die Annahme einer Kreuzimmunität mit anderen Coronaviren ist heute widerlegt.
  • Es ist richtig, dass die Fallsterblichkeit viel niedriger ist, als am Anfang angenommen. Jedoch kommen andere Berechnungen als die von Ioannidis heute auf einen Wert nahe 1 % aller Infizierten. Aber selbst wenn die Statistik von Ioannidis stimmen würde, so übergeht sie einfach die Altersstruktur. Mit zunehmendem Alter wird Corona immer gefährlicher. Für Hochbetagte ist die Krankheit so gefährlich wie die Pocken für die Allgemeintheit im Mittelalter. Erlaubt etwa eine derart verschleiernde Statistik, die Alten zu opfern?
  • Mögliche unerkannte Schädigungen bleiben bei dem Erkältungsvergleich völlig ausgeblendet. Andere Viruserkrankungen ziehen zwar auch Folgeschäden nach sich, aber nicht in dem Umfang, wie dies Corona offenbar tut.

Corona ist nicht einfach eine Grippe und auch keine starke Erkältung, sondern eine Systemkrankheit, d. h. viele Bereiche im Körper werden geschädigt. Die Sterbezahlen von Corona und schweren Grippeepidemien sind nicht miteinander vergleichbar, weil Corona mit großen Anstrengungen eingedämmt wird (so genanntes Präventionsparadoxon). Corona ist 10 bis 20-mal gefährlicher als die Grippe (die Gefahr durch Unvorhersehbares – wie gefährlichere Mutationen noch nicht inbegriffen).

2. Verstorbene waren ohnehin dem Tod geweiht und sind nicht an, sondern mit Corona verstorben? Falsch und zuviel deklarierte Tote verfälschen die Corona-Statistik?

Ein Vorwurf, der oft geäußert wird (auch von Bakdi): Viel zu viele Menschen gehen in die Corona-Todesstatistik ein, da sie nicht eigentlich an, sondern einfach nur mit Corona gestorben sind. Die eigentliche Todesursache sei ihre andere Krankheit gewesen. Dabei wurde zu polemischen Überspitzungen gegriffen wie: Wer auf dem Weg zur Arbeit mit dem Auto verunfallt oder ohne Fallschirm aus dem Flugzeug springt (siehe Bild) und nach seinem Tod coronapositiv getestet wird, gilt als Corona-Toter. In ein ähnliches Horn stößt die Kritik, die Corona-Toten wären sowieso jetzt gestorben, und nun haben sie einfach das Paniketikett Corona-Toter bekommen. Tübingens ehemaliger Oberbürgermeister Boris Palmer hat repräsentativ artikuliert, was viele dachten und immer noch denken:

Bild: Fotomontage auf Whatsapp ohne Quellenangabe weit verbreitet

“Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.”

Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen

Dieser Sichtweise stehen statistische Vergleiche und Studien entgegen, die zeigen, dass Coronaerkrankte an sich ohne Corona ein Jahrzehnt länger hätten leben können. So kommen etwa Forscher der Universität Glasgow zu der Erkenntnis, dass an Corona verstorbene Männer durchschnittlich 13 und Frauen 11 Lebensjahre verlieren (Hanlon et al. 2020). Die Forscher hatten dabei die von vielen als eigentliche Todesursache verdächtigten Vorerkrankungen mathematisch in ihre Modell integriert und stellten fest, dass diese gesamthaft das jeweilige Leben nur um 1 Jahr verkürzt hätten. Eine deutsche Studie errechnete im Vergleich zur durchschnittlichen Lebenserwartung 10,7 Jahre für Männer und 9,3 Jahre, wobei in einigen Bundesländern die Zahlen um einiges größer waren. Man kann also sagen, dass verstorbene Corona-Erkrankte durchschnittlich 10 Jahre länger gelebt hätten und zumindest dem durchschnittlichen Befund folgend weit überwiegend an und nicht beiläufig mit Corona verstorben sind. D. h. natürlich nicht, dass jeder, der mit 95 an Corona verstorben ist auch 105 geworden wäre, aber genügend, die 65 wurden eigentlich noch 20 Jahre und mehr hätten leben können. In Bayern hat man offenbar genauer hingeschaut und untersucht, wer mit und wer an Corona gestorben ist. Der dort beobachtete Wert bestätigt die vorangegangenen Berechnungen: 88 % der Betroffenen sind an Corona, 12 % primär wegen einer anderen Erkrankung verstorben. Damit gleicht die Statistik übrigens der vom etwa 10 Jahre verfrühten Tod bei Rauchern. Ein gravierender Unterschied: Wer raucht, nimmt dieses Risiko selbst in Kauf.

Auch wenn es den ein oder anderen Toten gibt, der besser einer anderen Statistik als der Corona-Statistik zugeordnet wird, so ist die Aussage, es würden viel zu viel Verstorbene als Corona-Tote gezählt wohl falsch. Richtig ist, dass eine Kombination mehrerer Krankheiten das Sterberisiko ja grundsätzlich erhöht und schwierig macht, die Statistiken bezüglich der verschiedenen krankheitsbedingten Todesursachen auseinander zu halten. Aber wenn Corona gegenüber den Vorerkrankungen 90 % gewichtiger ist (s. o.), ist gerechtfertigt, die überwiegende Mehrzahl der Toten der Corona-Statistik zuzuschlagen.

Dabei bleibt es aber nicht stehen. Die beobachtete zum Teil viel höhere Übersterblichkeit in vielen Regionen der Welt während Hochinfektionsphasen legt nahe, dass die Zahl der primär an Corona Verstorbenen in Wirklichkeit noch deutlich höher ist, als die offiziellen Zahlen dies anzeigen. Zudem hat die bereits oben erwähnte Studie von Ayoubkhani et al. 2021 gezeigt, dass damit zu rechnen ist, dass von den ehemals mit Corona Hospitalisierten noch einmal ein Achtel innerhalb der nächsten 140 Tage stirbt.

Mehrere unabhängige Studien wie auch Obduktionsserien zeigen, dass 5 von 6 bis 9 von 10 Verstorbenen wegen Corona und nicht nur mit Corona gestorben sind und dass Corona den Menschen im Schnitt 10 Jahre ihres Lebens nimmt. Davon geht statistisch gemittelt nur 1 verlorenes Jahr auf die Vorerkrankungen zurück.

Bild: Fotomontage – auf Whatsapp vielfach und ohne Quellenangabe verbreitet

3. “Ich bin jung, gesund, habe ein starkes Abwehrsystem und deshalb keine Angst vor Corona. Mir wird nichts passieren.” Stimmt das?

Sicher ist es gut, ein funktionsfähiges Abwehrsystem zu haben und dafür schon vorbeugend gesund zu leben, und im Hinblick auf Corona ist es ein klarer Überlebensvorteil, jung zu sein. Wir wissen heute, dass wir als jüngere Menschen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht an dem Virus sterben werden. Ausgeschlossen ist das freilich nicht. Auch sterben Menschen mit Vorerkrankungen schneller, wenn sie das Corona-Virus bekommen als vergleichsweise Gleichaltrige ohne Vorerkrankungen.

Aber die so genannte Letalität – die Wahrscheinlichkeit, an einer Krankheit zu sterben – ist nicht alles. Dass so viele alte Menschen an Covid-19 sterben und die Krankheit im Schnitt 10 Jahre vom Leben nimmt, deutet auch daraufhin, wie schwerwiegend das Virus in unseren Körper eingreift und welchen Kampf wir – wohl abhängig von der Infektionsdosis – aufnehmen, wenn unser Körper gegen das Virus vorgeht. Es scheint zu einem nicht unwesentlichen Anteil die Virusdosis, die man zum Zeitpunkt der Infektion abbekommen hat, zu sein, die die Schwere der Erkrankung bestimmt. Und je schwerer der Verlauf ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit unter langfristigen Folgen zu leiden. Jedoch können auch schwach symptomatisch Erkrankte und sogar asymptomatisch Infizierte durch das Corona-Virus bleibenden Schäden davontragen – wie ich unten näher darlege.

Das aber ist auch nur ein Teil der Realität. Tatsächlich scheint Corona schwer zu nehmen, wen es will. Dazu braucht es weder ein hohes Alter noch eine Vorerkrankung. Das legt etwa eine Studie des Kantonsspitals Aarau nahe (Gregoriano et al. 2020). “Corona sucht sich seine Opfer ziemlich zufällig aus”, fasst ein Artikel im SRF die Studie zusammen. Andere Spitäler machen ähnliche Beobachtungen. Zwar ist ein gut funktionierendes Immunsystem allgemein von Vorteil. Bei Corona wird aber immer wieder die Beobachtung gemacht, dass gerade eine Überreaktion eines an sich gut funktionierenden Immunsystem schwere Erkrankungen hervorruft.

Angst schwächt bekanntlich das Immunsystem. Die Meinung aber, dass die Abwesenheit von Angst vor dem Virus vor einer Ansteckung und auch vor schwereren Folgen schützt, scheint mir schon allein durch die hohen Infektionsraten bei Superspreader-Events untergraben zu werden. Es ist kaum davon auszugehen, dass die bei den bekannten Superspreaderevents (die sich aber wohl abhängig vom Verhalten der Beteiligten ähnlich tagtäglich in unterschiedlichen Situationen ereignen, wo viele Menschen zusammen kommen) bis zu über 80 % oder vielleicht 100 % Infizierten und unterschiedlich schwer Erkrankten alle Angst vor dem Virus hatten und abhängig vom Grad ihrer Angst unterschiedlich erkrankten oder auch nicht.

Das alles spricht dafür, dass man schon allein im eigenen Interesse nicht leichtfertig eine Infektion in Kauf nehmen, sondern dem Virus zwar nicht unbedingt mit Angst, aber mit Respekt begegnen sollte. Wir sind in den Chören im Moment leider in Sachen Ansteckungsrisiko vorläufig noch sehr exponiert (Begründung vergl. Aerosolübertragung beim Singen).

Ein gutes Abwehrsystem ist gut, und statistisch greift Corona alte Menschen und Vorerkrankte härter an. Aber Corona trifft oft auch junge, sportliche und vollkommen gesunde Menschen hart und kann auch dort für lange Krankheitsverläufe (Long Covid) und auch zu bleibenden Schäden führen. Es wird vermutet, dass für schwere Verläufe oft eine besonders hohe Virusdosis bei der Ansteckungen verantwortlich ist (wie sie gerade auch in schlecht belüfteten Singsituationen generiert werden kann.)

4. “Ich bin immun, weil ich mich selbst bei Infizierten in der Familie nicht angesteckt habe”. Stimmt das?

Die Familie führt in der Ansteckungsstatistik klar vor allen anderen Ansteckungsorten. Das ist auch kein Wunder, denn Familienverbände von 2 Personen an aufwärts sind ja allgegenwärtig (Randbemerkung: Es wäre aufgrund dieses Befundes ähnlich unsinnig, das Phänomen Familie zu verteufeln, wie dies aktuell zum Teil mit dem Singen geschieht). Man muss hier aber bedenken, dass die Ansteckung ja erst einmal von außen mitgebracht wurde. Wenn nun jemand in der Familie Corona bekommen hat, und ich mich trotzdem nicht angesteckt habe, folgt daraus nicht, dass ich immun bin? Nein. Denn trotz der Führungsrolle der Familie in der Ansteckungsstatistik ist die Ansteckungsrate in den einzelnen Familien überraschend gering. Trägt jemand eine Coronainfektion in die Familie, so steckt er nach mehreren Studien im Schnitt nur 10 bis 25 % seiner Mitbewohner an, obwohl hier doch viel mehr Zeit zusammen verbracht wird als anderswo (z. B. Jing et al. 2020).

Dass dies so ist, hat mit der Ansteckungsdynamik zu tun. Nur ein Fünftel der Bevölkerung entwickelt nach einer Infektion eine solch große Viruslast, dass er andere damit zumindest für einen Zeitraum von ein paar Tagen leicht infizieren kann. Um auch mit niedrigerer Viruslast für andere ansteckend zu sein, muss man sich entweder körperlich mehr als nahe kommen oder viel laut sprechen, singen, lachen oder schreien. Man bedenke: Wenn es bei Superspreadingevents etwa im Chor immer wieder möglich war, dass sich binnen kürzester Zeit über 80 % oder vielleicht sogar 100 % der Sänger*innen infiziert haben, dann müssten sich die gleichen Menschen, die dort betroffen waren, doch auch in der Familie anstecken können, wenn man nicht unsinnigerweise davon ausgeht, dass wir es hier mit einer eigenen Gattung von Menschen zu tun haben. Dass sich in der Familie aber nur 10 bis 25 % der Menschen anstecken, im Chor aber mehr als 80 % anstecken können, heißt im Umkehrschluss, dass man nicht zwangsläufig immun ist, nur weil man sich in der Famile nicht angesteckt hat. Man ist möglicherweise nur nicht am richtigen Ort dem Menschen begegnet, der einen anstecken kann. Vorsicht ist also weiterhin auch unter den Umständen, dass ich mich in der Familie nicht infiziert habe, angesagt.

Die Dosis machts, und viele Kranke entwickeln so wenig Viren, dass sie niemand anstecken. In Familien liegt die Ansteckungsrate nur bei max. 25 %. Wäre der gesund gebliebene Rest tatsächlich immun gegen Corona, wären die vielen Superspreaderereignisse gerade auch in Chören mit fast 100 % Ansteckungen statistisch nicht zu erklären.

5. “Asymptomatische infizieren niemanden und haben das noch nie getan.” Stimmt das?

Ein klares Nein als Antwort auf diese Frage ist für uns in den Chören ganz besonders wichtig.

Die Behauptung wird als Argument von Skeptikern von Maßnahmen gerne ins Spiel gebracht – auch von Fachleuten, etwa von Prof. Sucharit Bhakdi, emerierter Professor für Mikrobiologie und Coautor des Bestsellers Corona Fehlalarm. In einer Videobotschaft gratuliert er Demonstranten, die, wie er betont, in großer Zahl zusammengekommen sind, die keine Abstände einhalten und keine Maske tragen, und sagt, dies sei auch überhaupt nicht nötig, denn es gebe keine Pandemie mehr und:

“Es gibt keine asymptomatische Übertragung der Erkrankung Covid-19. Das ist eine sehr gute Nachricht!”

Prof. Sucharit Bhakdi, Mikrobiologe

Bei dem Argument steht mitunter die stillschweigende oder ausgesprochen, früher lange in der Medizin geglaubte falsche Annahme im Raum, dass asymptomatische Menschen nicht oder nur selten ansteckend sind, weil sie nicht husten oder niesen, also auch keine Flüssigkeiten absondern, durch deren Kontakt man sich infizieren könne. Aber es ist mittlerweile des Öfteren und zuverlässig gezeigt worden, dass es zum Infizieren über die Luft weder Husten noch Niesen braucht, sondern das Sprechen und besonders Singen, Lachen und Schreien, ja sogar Atmen, das vergleichsweise die wenigsten Aerosole generiert (Lindsey et al. 2016), auf die Dauer mehr Aerosole produziert, als gelegentliches Husten, zum Teil sogar mehr als Dauerhusten. Warum und dass gerade beim Singen, Schreien und Lachen sehr viel mehr Aerosole produziert werden, habe ich unter dem Menüpunkt Aerosolübertragung beim Singen dargestellt. Außerdem hat sich herausgestellt, dass das langjährig aufrecht erhaltene medizinische Paradimga von einer Dominanz der Tröpfcheninfektion gegenüber dem Luftübertragungsweg vielfach falsch ist, und der Ansteckungsweg über Aerosole ab einer Entfernung von 20 cm beim Sprechen und 50 cm beim Husten über die Tröpfcheninfektion wohl dominiert (Chen et al 2020). Es benötigt schlicht keine größeren Tröpfchen, wie sie beim Husten oder Niesen ausgeschieden werden, für eine Übertragung – nicht nur von Covid-19. Offenbar braucht es auch je nach Größe der Aerosole mutmaßlich sehr viel weniger Viren, um sich über die Lunge zu infizieren (Größenordnung 1000), als wenn der Ansteckungsweg über die Schleimhäute von Mundraum, Nase und Augen geht (vgl. NY).

Das Phänomen der asymptomatischen Übertragungen zum Teil im beträchtlichen Ausmaßen in den letzten Jahren längst von anderen Krankheiten bekannt geworden. Dazu zählt etwa Staphylococcus aureus and Streptococcus pneumoniae (Crisholm et al. 2018) und wohl auch die Influenza (etwa Wu et al. 2006). Bei einer englischen Kohortenstudie wurden drei Viertel der Infizierten als asymptomatische Träger des Virus ausgemacht (Horby 2014). 87 % von viralem Material wurde bei einer Studie auf Aerosolen unter 1 μm Durchmesser ausgemacht (Fabian et al. 2008), die bereits beim Atmen, aber beim Sprechen mehr und beim Singen, Lachen und Schreien noch viel mehr entstehen, und freien Zugang bis in die Lungen haben. Auch wenn man früher davon ausging, dass Symptome für eine Übertragung nötig sind, so ist heute klar, dass dies eine falsche Sichtweise war, die dem heutigen Wissensstand nicht mehr entspricht.

Nun wird aber von Corona-Skeptikern eine Beobachtungsstudie aus Wuhan als angeblich empirischer Beweis gegen die Möglichkeit einer asymptomatischen Übertragung hochgehalten – auch vom gerade zitierten Mikrobiologen Prof. Sucharit Bhakdi. Allen Bürgern der Provinz Wuhan über 6 Jahren wurde nach Eindämmung des Ausbruchs in Wuhan offeriert, sich zwischen dem 14. Mai und dem 1. Juni 2020 auf Corona testen zu lassen. Dabei wurde kein einziger neuer symptomatischer Fall ausgemacht, wohl aber 300 positive Fälle, bei denen keine Symptome vorgefunden wurden und die nun offenbar auch niemand mehr angesteckt haben. Darauf basierend wurde nun vielfach die Nachricht viral und in Social Media verbreitet, die Forschung habe herausgefunden, Asymptomatische würden nicht mehr infizieren.

Dieser Auslegung der Studie auch durch Prof. Bhakdi widersprach Prof. Fujian Song, einer der Autoren der Studie. In einer E-Mail am 6. Januar 2021 stellte er dezidiert klar:

“Es ist irreführend / unkorrekt / falsch zu schlussfolgern, dass ‘alle asymptomatischen’ Personen, die mit Covid-19 infiziert sind, aufgrund der Ergebnisse des Papiers nicht infektiös sind”

Prof. Fujian Song; Professor in Research Synthesis, Norwich Medical School

300 Asymptomatisch infizierte gegen keinen symptomatisch Angesteckten? Wo haben die sich denn angesteckt? Wäre die Studie tatsächlich in die besagte Richtung zu deuten, spottete sie jedem statistischen Wissen über das vielfach ermittelte Verhältnis zwischen symptomatischen und asymptomatischen Infizierten, die selbst bei großzügigsten Annahmen nur mit 80 % Asymptomatischen rechnet. Tatsächlich dürfte der Anteil aber eher bei 20 bis 50 % aller Infizierten liegen (bei Kindern etwas mehr):

Licht auf die Befunde fällt wohl, wenn man bedenkt, dass asymptomatisch nicht gleich asymptomatisch ist, sondern das bei den Asymptomatischen zwischen drei Gruppen zu unterscheiden ist:

  1. Gruppe der Präsymptomatischen, bei denen der Krankheitsausbruch noch bevor steht
  2. Gruppe der wirklich Asymptomatischen, die zwar infiziert sind, aber nie Symptome entwickeln
  3. Postsymptomatische, die eine Erkrankung hinter sich haben, deren Viruslast aber immer noch nachweisbar ist

Von der 3. Gruppe, den Postsymptomatischen, geht in aller Regel wenig Gefahr aus. Einzelne Menschen scheiden jedoch auch länger und nach ihrer eigentlichen Erkrankung noch Viren aus. Es ist damit zurechnen, dass ein Teil der 300 bei der Wuhan-Studie positiv Getesteten ohne Symptome einen falsch positiven Test und ein weiterer Teil dieser Gruppe 3, den Postsymptomatischen, sowie den wirklich Asymptomatischen zuzurechnen ist, die schon längere Zeit zurück infiziert wurden, aber seinerzeit nicht getestet wurden, aber immer noch nachweisbare Mengen an Viren im Körper hatten. Es stellte sich nämlich heraus, dass auch 107 Personen mit einer Covid-Vorgeschichte erneut positiv getestet worden waren. Die 300 asymptomatischen Fälle wurden isoliert und nach einer Zeit von 14 Tagen erneut getestet, wobei der Anteil der positiven Tests nun nur noch bei 190 lag. 110 Personen waren also zuvor entweder falsch positiv getestet worden oder die Viruslast im Körper war mittlerweile unter die Messschwelle gesunken. Eine Mischung aus beidem ist möglich. Die Studie würde also einzig nahe legen, dass von länger zurück infizierten, ob mit symptomatischem oder asymptomatischen Verlauf, wenig oder sogar keine Gefahr ausgeht. Absolut nichts sagt sie dagegen aus, dass eine asymptomatische Übertragung generell nicht möglich ist, wie das Prof. Bhakd in Anspruch nimmt.

Die eigentliche Gefahr geht von den Gruppen 1 und 2 wenige Tag nach ihrer Infektion aus. Den Anteil der präsymptomatischen und der wirklich asymptomatischen Übertragungen wurden von einem Team um Prof. Christophe Fraser auf 46 % bzw. 6 % bestimmt (Ferretti et al. 2020). Zu einem ähnlichen Anteil aller asymptomatischen Übertragungen kommt auch eine Studie der amerikanischen CDC, die den Anteil am Gesamten auf über die Hälfte bestimmt (Johannson et al. 2021). Für Singapure und Tianjin liegen Auswertungen vor, die sogar 48 bis 62 % präsymptomatische Übertragungen ermittelten (Tapiwa et al. 2020).

Von der 2. Gruppe, den wirklich Asymptomatischen, geht mutmaßlich nur eine geringere Ansteckungsgefahr aus, da viele von ihnen vermutlich nur eine geringe Virusdosis bei der Infektion abbekommen haben und weder hohe Viruslasten entwickeln noch eben an ihrer Infektion symptomatisch erkranken. Ihr Anteil wird vom Team um Prof. Fraser immerhin auf etwa 6 % bestimmt. Denn bei einem Teil der Asymptomatischen wurden auch vergleichbar hohe Viruslasten ausgemacht wie bei den symptomatisch Erkrankten.

Von der 1. Gruppe, den Präsymptomatischen, geht die größte Gefahr für Superspreadingevents aus. Es ist mittlerweile bekannt und erwiesen, dass präsymptomatisch Infizierte, die noch keine Symptome zeigen, die größte Viruslast tragen und damit die Macht haben zu infizieren. Die folgende Graphik basiert auf einer Auswertung von immerhin 115 Einzelstudien und darf daher wohl als einigermaßen repräsentativ gelten. Die Kurve der Viruslast ist nicht linear, sondern exponentiell zu lesen. Deutlich erkennt man die abnehmende Viruslast bereits vor Symptombeginn.

Quelle: Benefield et al. 2020

Dieser Befund sollte in Kombination mit der hohen Produktion vor allem lungenbläschengängiger Aerosole dringend nahe legen, den Chorbetrieb auf die Möglichkeit eines Superspreadingevents durch asymptomatische Überträger bei mangelnden Schutzmaßnahmen auszurichten und dem angemessen schützend zu begegnen. Das oben zitierte Statement von Prof. Bhakdi ist gefährlich falsch.

Aufgrund der hohen Aerosolproduktion beim Singen ist es wichtig, nicht dieser vielfach kursierenden Falschinformation zu folgen, Scheinargumente für diese mit Nachdruck zurückzuweisen und Maßnahmen, die mit der asymptomatischen Übertragung rechnen, zu etablieren. Gerade von den noch völlig gesund wirkenden Vorsymptomatischen geht die größte Gefährdung in Chören aus. Die asymptomatische Übertragung vor allem über die Luft ist vielfach nachgewiesen und physikalisch vollkommen plausibel.

IV. Spät- und Langzeitfolgen: Ausnahmen oder verbreitetes Risiko?

In Kenntnis der oben genannten Gegenargumente bleibt unter Wissenschaftlern nach wie vor der breite Konsens, dass Corona eine gefährliche Krankheit ist und Schutzmaßnahmen in welcher Bandbreite auch immer gerechtfertigt sind. Die Sterblichkeit ist dabei nur ein Teil der Gefahr, die von dem Virus ausgeht. Anfänglich noch beinahe verschwiegen stellt sich heraus, dass Corona für sehr viele Menschen längere bis bleibende Folgen haben, die sie unmittelbar oder auch so lange nicht spüren, bis ihre Nachwirkungen sichtbar werden.

Menschen die nach 14 Tagen nicht an Corona gestorben sind, gelten in den Statistiken als genesen, aber viele sind es nicht wirklich. Man spricht von Short Covid, dem “normalen” ca. 14-tägigen Verlauf der Krankheit und von Long Covid, wenn die spürbaren Symptome länger als 28 Tage anhalten.

Covid-19 ist eine neue Krankheit, über die begreiflicherweise noch keine langfristigen Studien und Erfahrungswerte vorliegen können. Zu Spät- und Langzeitfolgen liegen aber mittlerweile immer mehr Forschungsergebnisse und viele Erfahrungsberichte vor, wie sie bald täglich in der Presse erscheinen. Vor allem im Hinblick auf Letztere ist jedoch Vorsicht geboten: Wie sehr sind solche verallgemeinerbar oder repräsentieren lediglich traurig Ausnahmen? Werden vergleichbare Folgeschäden nicht auch von anderen Krankheiten wie der Grippe oder Hepatitis berichtet, und liegt es vielleicht nur an der gelenkten Aufmerksamkeit, das Covid-19-Spätfolgen besonders beachtet werden? Stürzt sich die Presse vielleicht auf besonders dramatische Ausnahmefälle, oder sind entsprechende Berichte Teil eines breiten Befunds? Zu populistisch präsentierten Forschungsergebnissen gibt es möglicherweise ernstzunehmende Fragezeichen: Werden vage Forschungsergebnisse in der Presse vielleicht journalistisch aufgebauscht? Ist die Auswahl der untersuchten Genesenen überhaupt repräsentativ? Versuchte sich schon bei der Studie jemand zu profilieren? Usw. Hier wird wohl noch einige Zeit ins Land gehen müssen, um diese Fragen immer objektiver beantworten zu können. Die Krankheit selbst ist noch so neu, dass abschliessende Beurteilungen nur mit höchster Vorsicht gemacht werden können.

Die Einschätzung, wieviel Infizierte von Long Covid betroffen sind, reicht vielleicht von über 2 bis zu 30 Prozent aller Infizierten (Einschätzung der WHO: 10 Prozent) und bis zu 80 % derer, die auf der Intensivstation betreut werden mussten. Letzteres berücksichtigt dabei aber nicht einmal die Liste der Folgeschäden, die bereits jetzt sogar bei A- und Schwachsymptomatischen diagnostisch festgestellt werden können, die die Genesenen aber nicht unmittelbar spüren und die erst Jahre später in Folgeerkarnkungen wie Herzainfarkten und andere Herzkrankheiten, Schlaganfällen, Nierenleiden mit Dialyseabhängigkeit usw. offenkundig werden können. Wie nachhaltig oder reparabel dieses Organschäden sind, ist in vielen Fällen noch völlig ungewiss.

Bei Erhebungen, wie viele Menschen denn nun tatsächlich unter den Spätfolgen von Corona leiden, gibt es Probleme: Viele Betroffenen schämen sich, fühlen sich stigmatisiert und nicht ernst genommen. Viele warten einfach ab, erhoffen Besserung und ersuchen keine ärztliche Hilfe. Die WHO macht nun auf dieses Problem aufmerksam und fordert dazu auf, Betroffene und die Problematik von Long Covid ernst zu nehmen.

V. Konkrete Studien: Vorstellung und Einordnung konkreter Studien zur Thematik Spät- und Langzeitfolgen

1. Ähnliche Spätfolgen wie bei verwandten Krankheiten wie SARS und MERS?

SARS und MERS sind vom Erscheinungsbild sehr verwandte Krankheiten wie Covid-19. Bei SARS und MERS liegen im Gegensatz zu Covid-19 bereits langjährige Studien zu Langzeitfolgen vor, bei denen sich vielleicht mit Vorsicht übertragen läßt, welcher Prozentsatz von Langzeitfolgen ausheilt und bei welchem Prozentsatz von Betroffenen eventuell mit bleibenden Schäden zu rechnen ist.

Covid-19 ist zwar noch eine neue Krankheit, über die keine jahrelangen Erfahrungsswerte vorliegen können. Die Symptome sind jedoch ähnlich denen von anderen Coronaviren wie SARS und MERS, die auch oft mit Lungenentzündungen einher gingen. Forscher gehen zum Teil soweit, Covid-19 mit SARS zu identifizieren oder es als Varianten des Gleichen zu bezeichnen, so der Virologe Prof. Alexander Kekule (im Januar 2021):

“Man könnte das aktuelle Virus fast als Variante des damaligen Sars-Virus bezeichnen. Und die Krankheit ist die gleiche. Es hat nur politische Gründe, dass die WHO das Covid-19 statt Sars nannte.”

Prof. Alexander Kekulé, Virologe

Wenn sich die Ergebnisse also übertragen lassen, wird schon deutlich, dass mit einer Infektion nicht zu spaßen ist, und dass sich Sänger und Chorleiter besonders vorsehen sollten, da diverse Studien zeigten, dass insbesondere Herz- und Lungenfunktion bei vielen nachhaltig beeinträchtigt blieben und sie arbeitsunfähig machte. Das gilt insbesondere für die Hospitalisierten. Die Studien zeigen, dass am ehesten in den ersten Monaten und weniger in den ersten zwei Jahren Verbesserungen von Symptomen und Spätfolgen zu erwarten sind, dann aber nur noch in geringem Maße, und dass bei einem hohen Prozentsatz der Hospitalisierten für immer bleibende Schädigungen der Lunge und anderer Organe zu erwarten sind. Anders als jetzt bei Covid-19 rückten asymptomatisch Erkrankte seinerzeit offenbar wenig in den Fokus der Aufmerksamkeit, sodass die SARS-Daten hier nur bedingt Aufschluss geben können, welche langfristige Folgen möglicherweise langfristig für asymptomatisch Coronainfizierte erwartet werden könnte.

Nach 1 Jahr wurden in Honkong noch bei 24 % überwiegend recht junger ehemaliger SARS-Patienten (Durchschnittsalter 36 Jahre) eine signifikante Beeinträchtigung des Gasaustauschs in der Lunge festgestellt (Hui et al. 2005)

Forscher am Prince of Wales Hospital in Honkong untersuchten ein Jahr nach der Entlassung aus dem Krankenhaus den Gesundheitszustand von 97 ehemaligen SARS-Patienten. 63 % der Betroffenen waren Beschäftigte des Gesundheitswesens, das Durchschnittsalter mit 36 Jahren niedrig. 28 % zeigten Abnormalitäten beim Röntgen des Brustraums und 24 % eine signifikante Beeinträchtigung beim Gasaustausch in der Lunge. Die Studie listet weitere medizinische Befunde auf. Belastbarkeit und Gesundheitszustand der SARS-Überlebenden waren bemerkenswert niedriger als bei Gesunden.

Nach 2 Jahren waren Lungenfunktion und Fitness von Hospitalisierten SARS-Patienten noch deutlich eingeschränkt (Ngai et al. 2010)

Eine Studie des Prince Wales Hospital in Hongkong untersuchte die langfristigen Auswirkungen ihrer Patienten von SARS auf Lungenfunktion, Trainingskapazität und Gesundheitszustand 3, 6, 12, 18 und 24 Monate nach Beginn der Erkrankung. Von 138 Hospitalisierten waren 15 Verstorben. Nach 3 und 6 Monaten nahmen 110 von ihnen, nach 12 Monaten 97, nach 18 Monaten ehemals Hospitalisierte nahmen bis zum Schluss der Untersuchung teil. Die Autoren resummieren:

„Zusammenfassend lässt sich sagen, dass 2 Jahre nach Beginn von SARS mehr als 50% dieser hoch ausgewählten Gruppe von SARS-Überlebenden eine Beeinträchtigung des DLCO (der Gasaustausch zwischen Blut und Luft in den Lungenbläschen d. A.) aufwies. Ihre Trainingskapazität und ihr Gesundheitszustand waren bemerkenswert niedriger als die der Allgemeinbevölkerung, und 30% der HCW (d. i. Arbeitende im Gesundheitswesen d. A.) waren nicht zur Arbeit zurückgekehrt. SARS kann bei Überlebenden zu anhaltenden geistigen und körperlichen Anomalien führen…“

Nach 12 Jahren war die Lebensqualität und der allgemeine Gesundheitszustand von überlebenden hospitalisierten SARS-Patienten aus China noch signifikant schlechter als bei einer gesunden Vergleichsgruppe, der Fettstoffwechsel deutlich gestört (Wu et al. 2017)

Eine im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern aus China zu Langzeitfolgen bei 25 überlebenden einstmals hospitalisierten SARS-Patienten, die im Durchschnitt 47 Jahre alt waren, zeigte gegenüber einer gleichgroßen und gleichalten Vergleichsgruppe 12 Jahre nach der Erkrankung eine deutlich Einschränkung der Gesundheit und Lebensqualität.

Graphik: www.nature.com

Die Überlebenden waren anfälliger für Erkältungskrankheiten und wurden auch wegen anderer Krankheiten nach ihrer Genesung von SARS auffällig häufiger ins Krankenhaus eingeliefert. Auch zeigte sich eine signifikante Änderung im Fettstoffwechsel. Hier vermuteten die Wissenschaftler, dass eine Zusammenhang zwischen der Vergabe von Steroiden bei der Akutbehandlung der Patienten seinerzeit besteht, die die Sterblichkeit deutlich senken konnte.

Nach 15 Jahren war die Lungenfunktion bei 38 % hospitalisierter SARS-Patienten noch deutlich eingeschränkt (Zhang et al. 2020)

In einer relativ kleinen Langzeitstudie mit 71 überlebenden 2003 wegen SARS im Peking University People’s Hospital stationär behandelten Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen wurde diagnostiziert, dass Schäden an der Lunge in den ersten zwei Jahren nach der Erkrankung am besten ausheilten. Danach erreichte die Genesung mehr oder minder ein Plateau. Jedoch hatten nach 15 Jahren immer noch 38 % der Erkrankten eine deutlich reduzierte Lungenfunktion – keine gute Prognose für alle, die beruflich auf die Atemfähigkeit angewiesen sind. Die Lungenfunktion im Jahr 2018 war besser als im Jahr 2006 bei Patienten, deren CT-Scans nach der Genesung im Jahr 2003 keine Auffälligkeiten zeigten. Als schwerste Folgen nach der Rehabilitation von SARS wurden Femurkopfnekrosen und Lungenfibrosen ausgemacht. Die Fermurkopfnekrosen, bei der ein Teil des knöchernen Oberschenkelhalsknochens abstirbt, wurde als Nebenwirkung der Steroid-Vergabe vermutet, die bei SARS und Covid-19 gegeben wurde bzw. wird und das Sterberisiko deutlich reduzieren kann.

2. Konkrete Studien zu Langzeitfolgen von Covid-19 bei Hospitalisierten

Bei den nicht Verstorbenen sind die Hospitalisierten – und an ihrer Spitze die Beatmeten – nicht nur von der Krankheit selbst, sondern auch statistisch am meisten von Spät- und Langzeitfolgen betroffen. Die hier aufgelisteten Studien haben zunächst nur die Langzeitfolgen von Hospitalisierten im Blick.

Lange Genesungsphase oder Langzeitfolgen? 88 % der Hospitalisierten spüren noch 2 Monate nach der Entlassung Symptome – Müdigkeit und Atemnot an erster Stelle

Einer im Juli veröffentlichten italienischen Studie zufolge, bei der 143 Patienten zwei Monate nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus untersucht wurden, wiesen immerhin noch 88 % der „Genesenen“ Folgesymptome auf und über die Hälfte mindestens drei davon. Über die Hälfte litt an Müdigkeit, fast die Hälfte an Atemnot, ein gutes Viertel an Gelenkschmerzen und ein Fünftel an Brustschmerzen. 13 weitere Symptome von Kopfschmerzen über Appetitlosigkeit bis Durchfall wurden genannt. Die Forscher räumten ein, dass die Symptome vielleicht nicht ausschließlich auf Corona, sondern zusätzlich auch noch auf Krankenhauskeime zurückgeführt werden könnten.

76 % der Hospitalisierten von Wuhan leiden noch ein halbes Jahr später an mindestens einer Spätfolge – hauptsächlich an Fatigue (Erschöpfung) (Huang et. al 2020)

Bei einer groß angelegten Langzeitstudie zu Spätfolgen von Corona stellte sich heraus, dass von 1733 entlassenen Patienten (Durchschnittsalter 57 Jahre, 52 % männlich, nur 4 % seinerzeit intensivpflegebedürftig), die zwischen Januar und Mai in Wuhan (China), dem Ausgangspunkt der Pandemie, wegen Covid-19 hospitalisiert waren, noch 76 % an mindestens einer Spätfolge zu leiden hatten.

  • Ermüdung (Fatigue) samt Muskelschwäche (63 % aller Erkrankter)
  • Schlafstörungen (26 %)
  • Angststörungen und Depression (23 %)

Daneben wurden aber auch diagnostisch Schädigungen festgestellt:

  • auffällige Anomalien auf Bildern der Lunge (mehr als 50 %)
  • Nichterreichung der durchschnittlich unteren Werte beim Leistungstest 6 Minuten Fußweg (durchschnittlich um 25 %, bei Beatmeten 29%)
  • nachträglich diagnostizierte Nierenschäden, die während der aktuen Erkrankungsphase noch nicht bestanden (13 %, Rückgang der eGFR <90 ml/min pro 1,73 m2)

70 % junger hospitalisierte Personen ohne Vorerkrankungen (Durchschnittsalter 44 Jahre) weisen 4 Monate nach der “Genesung” noch Beeinträchtigung an mindestens einem Organ auf (Dennis et al. 2020 P)

Da viele Langzeitstudien zu “genesenen” Patienten vorgenommen werden, wollten englische Mediziner konkret die Folgeschäden bei jüngeren Patienten untersuchen. 201 ehemalige hospitalisierte tendenziell jüngere Patienten (im Schnitt 44 Jahre alt) wurden danach ausgewählt, dass sie keine Vorerkrankung aufwiesen, die sie als Angehörige einer Risikogruppe ausgewiesen hätte. Dementsprechend wurde bei ihnen ein schwererer Verlauf eher nicht erwartet. Durchschnittlich 4 Monate nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus wiesen 70 % von ihnen noch nachweisliche Schäden an mindestens einem der untersuchten Organe (Herz, Lunge, Nieren, Leber, Bauchspeicheldrüse, Milz) auf.

Asthma – die einzige Vorerkrankung die einer englischen Studie zufolge eine Erkrankung an Long Covid begünstigt; Frauen und ältere Menschen mehr betroffen als Männer und jüngere Menschen (Sudre et al. 2020)

Die Studie legt optimistischere Daten nahe als viele andere Studien, die mit einer höheren Quote Langzeitleidender rechnen. Der Studie zufolge sollen 10 % der 18 bis 49-jährigen an Long Covid leiden, während es bei den über 70-jährigen bereits 22 % aller Infizierten sind. Asthma war die einzige Vorerkrankung, die einen signifikanten Zusammenhang zwischen Erkrankung und der Wahrscheinlichkeit, an Long Covid zu leiden, erkennen ließ. Erschöpfungszustände und Kopfschmerzen waren die häufigsten Symptome, die die Betroffenen angaben.

Einer von 8 als genesen entlassenen Corona-Patienten stirbt einer englischen Studie zufolge innerhalb von 140 Tagen (Ayoubkhani et al. 2021)

Eine englischen Studie – die bisher zahlenmäßig größte ihrer Art – schockierte mit der Feststellung, dass von 47.780 ehemaligen entlassenen Covid-Patienten 12,3 % nicht nur an Langzeitfolgen litten, sondern innerhalb von 140 Tagen nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus als offiziell Genesene verstarben. Damit ist die Zahl dreieinhalbmal höher als bei anderen aus dem Krankenhaus entlassenen Patienten. Die Pandemie scheint also langfristig noch mehr Todesopfer zu fordern als bislang angenommen. 30 % der Hospitalisierten mussten der Studie zufolge wieder ins Krankenhaus eingewiesen werden. Die Gesundheitssysteme müssen sich langfristig auf hohe Folgekosten für die Nachbehandlung von Covid-Erkrankten einstellen.

“Es ist eine Mammutaufgabe, diese Patienten weiter zu betreuen.”

Prof. Kamlesh Khunti, Mitautor der Studie

3. Schäden und Folgeschäden auch bei asymptomatisch Infizierten und mild symptomatisch Erkrankten – lange Genesungsphase oder bleibende Beeinträchtigungen?

Auch mild Erkrankte leiden oft, asymptomatisch Infizierte statistisch zwar weniger, aber auch an Langzeitfolgen und unentdeckten körperlichen Schädigungen, die sich zum Teil noch längerfristig auswirken könnten. Unklar ist bislang noch, ob und wie sehr viele hartnäckig verbleibende Symptome Teil eines langen Gesundungsprozesses oder bleibender Schädigungen sind.

80 % aller positiv getestenen Personen (allerdings mit einem einem Überhang an Hospitalisierten) wiesen in einer Metastudie nach 2 Wochen noch mindestens 1 Symptom auf (Lopez-Leon et al. 2021). Die Forscher substrahierten aus den Studien mehr als 50 Langzeiteffekte, die auf Kosten einer Coronainfektion gehen sollen. 35 % aller positiv Getesteten wiesen nach 60 bis 100 Tagen noch Anomalien/Trübungen beim CT der Lunge auf.

Für eine Metastudie wurden englischsprachige Publikationen zu Folgeerscheinungen nach einer Coronainfektion gescreent. Letztlich wurden 15 Untersuchungen dingfestgemacht, die die Bedingungen “mehr als 100 Personen” erfüllten genauer ausgewertet, wobei es keine Überlappungen gab. 2 Wochen nach der Infektion fühlten sich 80 % aller positiv Getesteten (mit einem studienbedingten Überhang an Hospitalisierten) nicht genesen. Die häufigsten Erscheinungen im Schnitt aller Beteiligten waren:

  • 58 % Müdigkeiten (Fatigue)
  • 44 % Kopfschmerzen
  • 27 % Aufmerksamkeitsstörungen
  • 25 % Haarausfall
  • 24 % Luftnot

54 % aller asymptomatisch Infizierten auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess wiesen in den Nachuntersuchungen Lungenschädigungen auf (Inui et al. 2020)

Die weltbekannte Isolation von Passagieren und Besatzung des Kreuzfahrschiffs Diamond Princess zu Beginn der Pandemie erlaubte es, den Anteil der symptomatisch und der asymptomatisch Infizierten einer Kohorte genau zu bestimmen und mit ihnen auch mögliche Folgeschäden, die die beiden Arten von Infizierten davongetragen hatten. Leider wurde wohl nur die Lungenfunktion untersucht (da man zu dem Zeitpunkt noch nicht mit anderen Schädigungen rechnete?). Nicht überraschend war, dass die symptomatisch Erkrankten größere Folgeschäden an der Lunge aufwiesen als die asymptomatisch Infizierten. Bei 79 % der sympomatisch Erkrankten waren die CT-Werte abnormal und Trübungen auf Lungenbildern zu erkennen. Beides war zwar bei asymptomatisch Infizierten weniger ausgeprägt, jedoch überraschte, dass dennoch 54 % von ihnen abnormale CT-Werte hatten und Schädigungen der Lungen erkennen ließen.

56 % aller asymptomatisch Infizierten wiesen in einer chinesischen Studie bei der Computertomographie der Lunge abnormale Veränderungen auf (Long et al. 2020)

Verhältnismäßig klein ist die Kohorte von assymptomatisch Erkrankten einer chinesischen Studie. Dennoch weist sie in einer ähnliche Richtung wie die Studie mit den Diamond-Princess-Passagieren. Die Kohorte der vorliegenden Studie wurde dadurch gefunden, dass positive Getestete und asymptomatisch Infizierte in China in der Anfangsphase der Pandemie isoliert wurden. Das Auswahlkriterium der Studie war streng. Personen, die angaben, keine Symptome zu verspüren, bei denen die Forscher selbst aber den kleinsten Verdacht eines Symptoms hatten, wurden aus der Studie ausgeschlossen. Somit wählten sie eine Gruppe von 37 sicher symptomlosen Personen aus. Das Durchschnittsalter in der Kohorte (mit einem größeren Frauenanteil, 22 von 37) war mit 41 Jahren vergleichsweise niedrig. Das Interesse der Forscher galt insbesondere der Verbreitungsmöglichkeit des Virus durch Asymptomatische. U. a. stellten sie fest, dass asymptomatisch Infizierte länger Viren absonderten als symptomatische Infizierte. Daneben wurde aber auch die Lunge untersucht und die beängstigenden Befunden gemacht. 56 % der Asymptomatischen wiesen Schäden an der Lunge auf. 30 % zeigten Milchglastrübungen in der Lunge, 27 % Streifenschatten. Zwei Drittel zeigten die Schäden auf beiden Lungenflügeln, ein Drittel nur auf einer Seite.

78 % zufällig ausgewählter ehemaliger Corona-Infizierten (von hospitalisierten bis zu asymptomatischen) hatten 2 bis 3 Monate nach der Infektion entzündliche Herzveränderungen, 60 % eine Herzmuskelentzündung (Puntmann et al. 2020)

Ein Team um die Kardiologen Prof. Eike Nagel und PhD Valentina Puntmann hat am Uniklinikum Frankfurt eine Gruppe von 100 ehemals am Uniklinikum coronapositiv (Durchschnittsalter 49J., 53 % männlich) Getester für eine Landzeitstudie rekrutiert. In der Gruppe befanden sich gleichermaßen Hospitalisierte (33 %, davon nur 2 % Beatmete); asymptomatisch Infizierte (18 %) wie Menschen, die ihre Erkrankung zuhause auskurieren konnten (49%). Krankheit oder Infektion lag bei allen Betroffenen bereits 2 bis 3 Monate zurück (durchschnittlich 64 bis 92 Tage).

Die Forscher listen eine Reihe beobachtete Spätfolgen im Detail auf. Im Trend anderer Studien liegt der hohe Anteil von 36 % der Probanten, die über anhaltende Kurzatmigkeit und allgemeine Erschöpfungszustände (Fatigue) klagten. Die größte Überraschung für die Forscher war jedoch die massive Beeinträchtigung der Herzgesundheit bei vielen der Probanten. 78 % von ihnen wiesen entzündliche Veränderungen des Herzen auf. Bei 60 % der Probanten (darunter auch asymptomatisch Infizierte) diagnostizierten die Herzspezialisten Herzmuskelentzündungen.

„Da ist viel mehr, als wir befürchtet hatten”

Prof. Eike Nagel, Direktor des Instituts für Experimentelle und Translationale Kardiovaskuläre Bildgebung an der Uniklinik Frankfurt

Die Forscher schlossen aus ihren Befunden, dass die Folgen für das Herz bei Corona-Infizierten laufend untersucht werden sollten. Es wird aber auch damit gerechnet, dass die Schäden auch noch nach Jahren zu einer Herzinsuffizienz führen könnten, was lebensgefährlich sein kann.

„Die Studie hat bestätigt, dass das Covid 19-Virus nicht einfach eine kurzfristige Viruserkrankung ist, die hauptsächlich die Atemwege betrifft. Im Gegenteil, es hat wichtige systemische Konsequenzen, die sich später entwickeln und immunvermittelt sind“

Dr. Valentina Puntmann, Kardiologe

26 % – also ein Viertel – aller Infizierten fühlen sich ein halbes Jahr nach der Infektion nicht erholt und leiden gemäß einer Zürcher Studie unter Prof. Milo Puhan an Long Covid

Die Ergebnisse sind aktuell (Anfang Februar 2021) noch nicht veröffentlicht. Aber Pathologe Prof. Milo Puhan, Direktor des Instituts für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention an der Universität Zürich gab die Zahlen einer Befragung von 437 Infizierten bereits vorab bekannt. Demnach leiden 26 % aller Infizierten noch ein halbes Jahr nach der Infektion oder Krankheit spürbar an den Folgen. Am stärksten betroffen sind Erkrankte mit schweren Verläufen. Hier litten 39 % nach 6 Monaten noch unter mindestens einem Symptom. Bei leichteren und mittelschweren Verläufen (und offenbar auch asymptomatischen Verläufen – es wird eigens darauf hingewiesen) lag die Rate bei 23 %. Mindestens jeder 10. Infizierte ist dabei nach wie vor in einem schlechten Gesundheitszustand. Müdigkeit, Lähmende Müdigkeit, Kopfschmerzen, Husten oder Atemnot waren die wichtigsten ermittelten Symptome. Frauen waren mit 31 % deutlich mehr vertreten als Männer (21 %). Hochgerechnet auf alle vielleicht mehr als 1,2 Mio. Infizierten, die es inklusive aller nicht gemeldeten Fälle in der Schweiz bis Anfang Februar 2021 mutmaßlich gegeben hat, rechnet Prof. Puhan, dass bereits 250.00 bis 300.000 Schweizer längerfristig von Long Covid betroffen sein könnten und das diesem Phänomen viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte als bislang geschehen. Long Covid generiert immer mehr zur Volkskrankheit.

«Das Gesundheitswesen und das Sozialsystem müssen parat sein, die Hausärzte müssen wissen, was auf sie zukommt.»

Prof. Milo Puhan, Epidemiologe und Leiter der Studie

52 % – also mehr als die Hälfte – aller coronapositiv getesteten Kinder (asymptomatische Verläufe eingeschlossen) litten in einer italienschen Langzeitstudie noch 120 Tage (4 Monate) nach der Infektion an mindestens einem Symptom (Buonsenso et al. 2021 PP)

In einer italienischen Studie wurden 129 Kinder mit einem durchschnittlichen Alter von 11 +/- 4,4 Jahren (Anteil Mädchen/Jungen fast gleichgroß), die zwischen März und November 2020 positiv getestet worden waren, auf Langzeitfolgen untersucht. 33 der positiv getesteten Kinder waren zunächst asymptomatisch. Kinder erkranken zwar weniger häufig und schwer an Covid-19, aber bei vielen Kindern traten der Studie zufolge ähnliche Langzeitfolgen auf wie bei Erwachsenen. 52 % der Kinder gaben an, noch 120 Tage (4 Monate) nach ihrer Infektion an mindestens einem Symptom 35,7 % an zwei, und 22,5 % an 3 Symptomen zu leiden. 5 Kinder erkrankten offenbar ernsthafter: 3 der Kinder am Multiinflammatorischen Syndrom, 2 an Myokarditis. Die häufigsten Nachwehen nach 120 Tagen waren Schlaflosigkeit (18,6 %), respiratorische Effekte einschließlich Engegefühl auf der Brust (14,7 %), verstopfte Nase (12,4 %) Kopfschmerzen, anhaltende Muskelschmerzen, Konzentrationsprobleme (jeweils um 10 %). 42 % der Betroffenen fühlen sich nach den 120 Tagen noch durch mindestens eine dieser Langzeitfolgen in ihren täglichen Aktivitäten beeinträchtigt. Der durchschnittliche prozentuale Anteil war bei den Asymptomatischen erwartungsgemäß zwar niedriger als bei den Symptomatischen. Auffällig ist, dass von den zunächst asymptomatisch Infizierten der prozentuale Anteil derer, die angaben, durch die Spätfolgen bedrückt zu sein, ähnlich hoch war, wie bei den symptomatisch Erkrankten. Inwieweit diese Studie verallgemeinerbar ist, ist bei der vergleichsweise niedrigen Zahl der Probanten noch nicht zu sagen. Weitere Studien sind wohl abzuwarten.

46 % all derer, die als mild erkrankt galten, klagten nach einem halben Jahr noch über mindestens ein Symptom (Klein et al. 2021)

In einer israelischen Studie wurden 103 Personen zu vier verschiedenen Zeiten zu ihren Symptomen während und nach einer Coronaerkrankung befragt, die als mild eingestuft worden war. Für die vorliegende Studiensammlung ist von Belang, dass nach einem halbem Jahr noch 47 Personen (= 46 %) über mindestens ein Symptom klagten, das nicht ausgeheilt war. Die Spitzenplätze belegten dabei:

  • 22 % Fatigue
  • 15 % Geruchs- bzw. Geschmacksverlust
  • 8 % Kurzatmigkeit

4. Allgemeine mögliche Spätfolgen nach Corona-Symptomen

Schon länger bekannt: Lungenentzündungen scheinen die Wahrscheinlichkeit von langfristigen Herzkreislaufkomplikationen allgemein drastisch zu erhöhen (Corales-Medina et al. 2015)

Lungenentzündungen – im Zusammenhang mit Corona häufig auftretend und gefürchtet – bergen nicht nur das Risiko langfristiger Lungenschädigungen, sondern erhöhen offenbar auch die Wahrscheinlichkeit von Herzkreislaufkomplikationen. Wenn ich das richtig verstehe, scheint der Zusammenhang noch nicht wirklich verstanden worden zu sein. Die Forscher einer Studie aus der Zeit vor Corona (2015) schlussfolgerten nach der Auswertung von 591 Fällen stationär behandelten Lungenentzündungen: „Die Hospitalisierung für Lungenentzündung war mit einem erhöhten kurz- und langfristigen Risiko von CVD (Herz-Kreislauf-Erkrankung d. A.) verbunden, was darauf hindeutet, dass Lungenentzündung ein Risikofaktor für CVD sein kann.“ Von den 591 untersuchten ehemaligen Patienten litten immerhin 206 innerhalb der nächsten 10 Jahre an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

5. Studien über Folgeschäden bei Sängern und Erfahrungsberichte von Sängern

Immer wieder war von Sängern zu hören, die an Covid-19 erkrankten. Spezielle Studien zu Langzeitfolgen hierzu liegen bislang kaum vor, jedoch Erfahrungsbericht, von denen ich hier einige verlinke.

Viele Sängergrößen im betagteren Alter sind an Corona verstorben. Aber auch aus der jüngeren Generation hat Corona das Leben von Sängerstars vorzeitig beendet, wenn dies auch dort viel seltener vorkommt (Prominente unter ihnen: Ex-Boyband-Sänger von Dream Street Chris Trousdale, 34; US-Rapper Fred the Godson, 35; Broadwaymusicalstar Nick Cordero, 41; der tschechische Sänger David Stypka, 41; der polnische Sänger Grzegorz Guziński, 46; die ukrainische Opernsängerin Oleksandra Tarasova, 48; der Leadsänger der bekannten afroamerikanischen Gesangsgruppe The Temptations Bruce Williamson, 49; der amerikanische Liedermacher und Sänger Adam Schlesinger, 52; der bulgarische Operntenor Kamen Chanev, 56 u. s. w.)

Hier möchte ich nach und nach Studien über und Erfahrungsberichte von Sängern und Musikern zum Thema Corona sammeln. Wie haben sie ihre Erkrankung erlebt? Was haben sie den Menschen und ihren Mitmusikern zu sagen? Haben sie Spätfolgen, und wie gehen sie damit um?

Die große Mehrzahl der noch aktiven Sänger überlebt wie die meisten vergleichsweise alten Menschen eine Coronainfektion – die Frage ist nur mit oder ohne Spätfolgen. Bekannte Operngrößen wie Andrea Bocelli, Placido Domingo, Jonas Kaufmann und Anna Netrebko hatten Corona, mussten wenigstens zum Teil hospitalisiert werden und sind offenbar wieder soweit genesen, dass sie wieder auftreten können (Dass bereits in früheren Phasen der Pandemie, als viele noch nicht einmal Corona-Kranke im Bekanntenkreis hatten, gleich mehrere solcher prominenter Stars unter den Erkrankten waren, ist auf dem Hintergrund der Infektiosität von Singen meines Erachtens auch nicht überraschend – Kaufmann bei “Fidelio”-Proben, Netrebko bei einer Inszenierung von Mozarts “Don Carlos”). Daneben werden auch mehr und mehr Fälle von Sängern und Musikern bekannt, die mit bleibenden Spätfolgen kämpfen.

Studie mit 53 Sänger*innen zu Spätfolgen von Corona bei Sängern – Covid-19 Long term impact on elite vocal athletes: inital survey results (LeBorgne 2020)

Die amerikanische Sängerärztin PD. Wendy LeBorgne untersuchte bereits in der Frühphase der Pandemie die Auswirkungen von Covid-19 auf Sänger und verglich die Symptome, an denen die Sänger während ihrer aktiven Erkrankung litten mit den Symptomen, die noch drei Monate später vorhanden waren. An ihrer Studie nahmen 53 an Covid-19 erkrankte Sänger*innen teil. Der weitüberwiegende Teil infizierte sich im März 2020. Zwei Drittel der betroffenen Studienteilnehmern kamen aus New York und fast 60 % der Studienteilnehmer waren Frauen. Allein 28 % von ihnen waren Broadway- oder Off-Broadway-Sänger*innen. Das Alter der Teilnehmer war vergleichsweise niedrig (zwischen 18 und 54 Jahren). Über die Hälfte der Betroffenen war zwischen 25 und 34 Jahre alt. Nicht alle Sänger*innen waren positiv getestet worden. Das war seinerzeit in NY und auch anderswo schlicht nicht möglich. Alle Betroffenen hatten jedoch deutliche Covid-19-Symptome und viele klagten über eine längere und anhaltende gesundheitliche Beeinträchtigung. Die Sänger wurden nach ihrer Selbsteinschätzung zu ihrer physikalischen und stimmlichen Fitness vor und Monate nach der Erkrankung gefragt. LeBorgne gibt hier nur den Mittelwert an (15 % Verlust der körperlichen Fitness, 20 % der stimmlichen Fitness), und es ist fraglich wie aussagekräftig das ist, da einige sich physisch und stimmlich gut erholten oder überhaupt nie beeinträchtigt waren und andere anhaltend gehandicapt blieben. Bemerkenswert ist aber, dass die berufsrelevanteste Fitness, die stimmliche, dabei schlechter abschnitt als die allgemeine Fitness.

Im Vergleich von der akuten mit der möglicherweise chronischen Phase spielten Symptome wie Fieber (70 % : 2 %), Gliederschmerzen (83 % : 4 %) und Überempfindlichkeiten (28 % zu 2 %) bei der Nachuntersuchung nur noch eine untergeordnete Rolle, während Beeinträchtigungen der Lunge (Kurzatmigkeit, Husten, Pneumonie 66 % : 28 %) und der Stimme (Heiserkeit, stimmliche Dysfunktionen, Verlust des stimmlichen Ambitus 51 % : 26 %) die Spitzenreiter der längerfristigen Folgen der Erkrankung darstellten. In den beruflich relevantesten Bereichen litten also etwa die Hälfte der ehemals Betroffenen noch nach drei Monaten deutlich unter den Folgen der Erkrankung.

Die folgende Liste gibt an, wie sich die Sorgen der Studienteilnehmer Ängste in Bezug auf ihre Rehabilitation verteilten:

  • 54,90 % Vocal Fatigue (stimmliche Ermüdungserscheinungen und Dysfunktion)
  • 41,18 % Verlust der Stimmkraft und Dynamik
  • 37,25 % Sorge vor Fatigue
  • 33,33 % Verlust des sängerischen Ambitus
  • 31,37 % Atemschwäche, Verlust der Stütze
  • 31,37 % Kurzatmigkeit
  • 19,61 % körperliche Schmerzen
  • 19,61 % übermäßige Schleimproduktion
  • 15,69 % Gedächtnisstörungen
  • 9,80 % anhaltender Husten
  • 15,69% andere Sorgen

Nach 4 Monaten ist Broadway-Musicalstar Adam Perry (Hauptrolle Frozen) nicht bei Kräften und ohne Atem – die Furcht um die Karriere

Adam Perry (Hauptrolle in Frozen) ist ein durchtrainierter Musicalstars, der in den letzten 20 Jahren 8 Shows in der Woche als Sänger, Tänzer und Schauspieler stemmte. Seit seiner Covid-Erkrankung im März kommt er bis zum Juli (hier das Interview) nicht zu Kräften. Zwei Tage geht es besser, dann hat er keine Energie mehr. Perry nennt das Virus ein Monster, hofft noch auf Besserung, fürchtet aber langfristig um seine Karriere. Besonders schwer beeinträchtigt ihn die fehlende Atemfähigkeit:

„Es ist ziemlich erschreckend, um ehrlich zu sein. Es gibt nichts Vergleichbares zu dem Gefühl, nicht atmen zu können “.

“Was passiert, ist so einschränkend, dass man physisch denken muss, um ein- und auszuatmen, und zusätzliche Muskeln verwenden muss, um dies zu tun. Man fühlt sich wirklich unwohl und es ist besorgniserregend und beängstigend.”

Adam Perry

Wie sieht er die Nachlässigkeit im Umgang mit der Pandemie und den Protest vieler gegen die Coronamaßnahmen?

„Ich habe geweint, als ich heute Abend die Nachrichten gesehen habe… Der Präsident macht Witze über das Coronavirus. Die Leute beschämen andere dafür, dass sie Masken tragen. Das Land macht das zu einer Partisanenfrage. “

„Es geht wirklich um Teamarbeit bei dieser Sache. Wir müssen alle übereinkommen, eine Maske tragen und so weit wie möglich sozial distanziert sein, bis es einen Impfstoff gibt, denn diese Sache hat eine unendliche Variable von Auswirkungen auf die Menschen.”

9 Monate Long Covid und kein Ende in Sicht – Interview mit Opernsänger und Chorleiter Michael McLaughlin

Michael McLaughlin (39) war vor der Pandemie Opernsänger und Chorleiter in London. Zu Beginn der Pandemie flüchtete er aus London gerade vor der Krankheit in seine irische Heimat Letterkenny, entwickelte aber gleich nach der Ankunft Symptome und musste schließlich wegen doppelseitiger Lungenentzündung hospitalisiert werden. Intensivpflege war jedoch nicht nötig. Nach seiner Entlassung kommt er nicht zu Kräften und klagt noch neun Monate später über Müdigkeit, Atemnot, Kopfschmerzen, Schmerzen in der Brust und Bindehautentzündung in den Augen. An manchen Tagen hat er, der noch vor ein paar Jahren den Jakobsweg lief, keine Kraft, das Haus zu verlassen. Singen geht maximal 20 Minuten, auch wenn McLaughlin feststellt, dass Singen seiner Atmung gut tut.

„Am Anfang habe ich Menschen, die glauben, dass Covid ein Scherz ist oder die sich weigerten, Masken zu tragen, nicht allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt, aber mit der Zeit bin ich immer wütender geworden. Ich habe schwere Lungenschäden erlitten und zu diesem Zeitpunkt gibt es keine Garantie dafür, dass ich das wiederbekomme…”

Was er den Menschen zu sagen hat?

„Meine Botschaft ist ganz einfach: Nimm das ernst, weil es ernst ist. Neun Monate später ist mein Leben ein Chaos, und es ist noch kein Ende in Sicht.”

Die Hoffnung stirbt zuletzt – und so hofft McLaughlin weiter, dass er irgendwann doch wieder zu Kräften kommt und seine Karriere fortsetzen kann. Man wünscht ihm sehr, dass dies gelingt.

Operndiva Hibla Gerzmava über ihre leichte Lungenentzündung und die Angst vor Lungenschäden

Hibla Gerzmava ist eine russisch-armenische Opernsängerin, die auf den großen Bühnen der Welt zuhause ist (Met, Natioaloper Paris, Mariinsky usw.). Bereits im März erkrankte sie an einer doppelseitigen Lungenentzündung. Aber die Ärzte stuften sie als leicht ein und ein Krankenhausaufenthalt war nicht erforderlich. Sie wendet sich via Slippedisc an Musiker und Kulturinteressierte:

“Es ist Zeit, meine Geschichte dieser Monate zu erzählen… Die größte Angst galt der Lunge. Das CT zeigte eine doppelseitige Lungenentzündung, aber zum Glück mit minimalen Lungenschäden… Wenn ich eine leichte Form hatte, wie leiden dann Menschen mit schwerer und mäßiger Schwere? !!!”

Begreiflicherweise fehlt ihr das Verständnis für Corona-Leugner:

“Ich werde wütend über Leute, die leichtfertig und verächtlich gegenüber allem sind, was passiert, nicht glauben und denken, dass dies alles Fiktion ist!”

Nach 11 Monaten kämpft Opernsänger und Wagner-Tenor Lee David Bowen (49) mit einer Serie von Postcovid-Syndromen und kann seitdem nicht mehr richtig singen

Als Wagner-Sänger ist Operntenor Lee David Bowen auf seinen Atem und den Vollbesitz seiner physischen Kräfte angewiesen. Anfang Februar 2020 infizierte sich der dreifache Vater mit Corona und leidet seidem so stark unter Postcovid-Syndromen, dass die Ausübung seiner Berufs nicht mehr möglich ist. Es begann mit der Fatigue, die sich verschlechterte. Bowen klagt auch über einen metallischen Geschmack im Mund und ein Vernebelungsgefühl im Gehirn.

“Ich dachte, es würde besser bei mir, aber dann wurde es schlimmer.”

Bowen fordert andere auf “zweimal nachzudenken”, bevor sie sich dem Risiko aussetzen, sich mit Corona zu infizieren. Bowens Fall ist bekannt geworden: Er selbst hat seine Erkrankung und die Spätfolgen publik gemacht und Interviews gegeben. Bowen ist heute Leiter von Long Covid Wales, dem sich bereits 9000 Mitglieder angeschlossen haben. Sein Fall wurde auch im Parlament als Beispiel thematisiert. Immerhin: Es gibt auch Besserung. Sein Gehirn spiele wieder besser mit und seine Gedächtnisleistung sei wieder besser. Bowen gibt indes nicht auf und hat seine Rückkehr zur Bühne nach wie vor fest im Visier.

Popikone Marianne Faithful kann vielleicht nie wieder singen

Marianne Faithfull war lange Jahre die Lebengefährtin von Mick Jagger. Mit As Tears go by wurde sie 1965 als Popsängerin bekannt und blieb jahrzehntelang in der Popszene Englands präsent. Im April 2020 erkrankte sie an Covid-19 und muss für drei Wochen hospitalisiert werden. Von ihrer Erkrankung hat sie sich seitdem nicht richtig erholt. Gedächtnisverlust, anhaltende Müdigkeit und Beeinträchtigung des Atems sind bei ihr die Folgen. Anfang 2021 wird bekannt, dass die Musikerin am Boden zerstört ist. Eine Ärztin hatte ihr eröffnet, dass ihre Lungen wahrscheinlich für immer geschädigt bleiben und sie vielleicht nie wieder singen könne. Die Sängerin hofft nach wie vor noch auf ein Wunder.

Rocksänger und Tool-Frontman Maynard James Keenan leidet 8 Monate nach seiner Covid-Erkrankung an Lungenschäden

Andrea Bocelli nur leicht erkrankt – Angst vor Kontrollverlust

Andrea Bocelli hatte sich zusammen mit Familienmitgliedern bereits im März 2020 mit Corona infiziert, entwickelte nur milde Symptome und war Ende März bereits vollständig genesen. Er betont, die Krankheit mit Rücksicht auf die viel schwerer Erkrankten ernst zu nehmen, und schildert seine Angst vor Kontrollverlust während der Krankheitsphase:

“Es war wie ein Albtraum, weil ich das Gefühl hatte, nicht mehr die Kontrolle zu haben. Ich hatte gehofft, bald aufzuwachen.”

Langzeitbetroffene mit einjährigem chronischem Stimmverlust infolge Covid-19 (darunter die professionelles Sprecherin Jeannie McGinnis) rufen auf der Onlineplattform des British Medical Journal zur näheren Erforschung und Beachtung des Phänomens chronische Dysphonie nach Covid-Erkrankungen auf

Drei Betroffene mit fast einjähriger schwerer Heiserkeit infolge einer Coronaerkrankung, darunter eine Medizinprofessorin und eine professionelle Sprecherin, rufen auf der Onlineplattform des British Medical Journal dazu auf, dem Phänomen des Stimmverlusts infolge von Coronaerkrankungen größere Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei verweisen sie auf viele weitere gleichfalls Betroffene, deren Anliegen von Ärzten oft nicht ernst genug genommen wird, da Stimmverlust als mögliche Langzeitfolge vielen Medizinern noch nicht geläufigt sei:

“Viele waren mit diagnostischen und behandlungsbedingten Vorurteilen konfrontiert, wenn es darum ging, Unterstützung von Ärzten zu suchen, denen der mögliche Zusammenhang zwischen Covid-19 und Dysphonie nicht bekannt war.”

Die an Long Covid erkrankte professionelle Sprecherin Jeannie McGinnis schreibt dabei – 11 Monate nach ihrer Covid-Erkrankung – im Februar 2021:

„Als professionelle Sprecherin praktizierte ich vor und während des Beginns der Covid-Pandemie hochwertige Stimmhygiene, die alles von Diät und Flüssigkeitszufuhr bis hin zur Vermeidung von Flüstern umfasste. Vier Monate nach Covid setzte sich die schwere tägliche Heiserkeit fort. HNO- und Lungenspezialistenuntersuchungen führten sechs Monate nach dem ersten Virus zu einer Sprachtherapie. Jeder Spezialist kam zu dem Schluss, dass er sich über die Ursache der anhaltenden Stimmverzerrung nicht sicher war. Ich bemerkte, dass Anstrengung die Symptome verschlimmerte. Sogar heute, fast 11 Monate nach der Covid, habe ich zeitweise Heiserkeit bei Anstrengung, wie z. B. beim Bettmachen, beim Heben schwerer Gegenstände oder bei längeren Gesprächen . “ 

Auf ihrer Homepage schreibt sie über ihre Nöte mit dem Stimmverlust und ihren ebenfalls von Long Covid betroffenen gleichzeitig erkrankten 15-jährigen Sohn.

6. Lichtblicke bei Spät- und Langzeitfolgen

Nach den düsteren Daten zu Spät- und Langzeitfolgen möchte ich hier einige Lichtblicke aufzählen, die Hoffnung machen könnten.

Eine Impfung schützt nicht nur vor Tod, sondern scheint auch die Gefahr von schweren Coronaverläufen und von nachfolgendem Long Covid stark zu reduzieren (Inhalt folgt)

Anekdotische Berichte und eine erste Beobachtungsstudie legen nahe, dass Coronaimpfungen auch Symptome von Long-Covid-Betroffenen lindern oder vielleicht sogar heilen können (Inhalt folgt)

Lungenschäden heilen wenigstens zum Teil aus, wie eine Kohortenstudie aus Österreich zeigt

Bei einer so genannten prospektiven Beobachtungsstudie mit 86 ehemals hospitalisierten Corona-Patienten im Alter zwischen 50 und 70 an der Medizinischen Universität Innsbruck, wurde zwar die Beobachtung gemacht, dass 56 % der Patienten noch sechs Wochen nach ihrer Entlassung anhaltende körperliche Beeinträchtigungen zeigten, darunter 47 % von ihnen an Kurzatmigkeit und 15 % an anhaltendem Husten litten. Es wurde jedoch darauf abgehoben, dass sich bereits nach wenigen Wochen vielfach die auf den CTs gruselig aussehenden Milchglastrübungen in der Lunge zurückbildeten. Bei einer weiteren Nachuntersuchung nach 12 Wochen konnte festgestellt werden, dass sich Lungenfunktion vielfach verbessert hatte und nur noch 39 % der ehemaligen Patienten mit Luftnot zu tun hatten. Man kann hier das halb volle und das halb leere Glas sehen: Die beobachteten Besserungen machen den Betroffenen Hoffnung. Es konnte jedoch nicht gesagt werden, ob die Schäden komplett ausheilen werden, und man kann im Falle eigener Betroffenheit nur hoffen, dass man zu den Glücklichen gehört, bei denen die Lungenschäden ganz ausheilen. Wenn sich die oben vorgestellten Ergebnisse von SARS wiederholen lassen, kann mit einer Besserung von bis zu 2 Jahren nach der akuten Erkrankung gerechnet werden, bis ein gewisses Plateau erreicht wird, bei der keine großen Veränderungen mehr beobachtet wurden.

Singen wird zur Therapie von Langzeitfolgen eingesetzt

Die Englische Nationaloper (ENO), eines der beiden großen Opernhäuser in London, hat zusammen mit der Imperial College Healthcare ein Programm ins Leben gerufen, dass Long-Covid-Patienten helfen soll, mit ihrer Atemnot und ihren Depressionen besser zurecht zu kommen und hier Linderung zu verschaffen. Am Anfang findet eine Eignungsprüfung durch eine Covid-Fachklinik statt.

Das Programm findet ausschließlich online statt. Sechs wöchentliche Onlinegruppensitzungen werden von einem ENO-Gesangsspezialisten geleitet. Aufwärmübungen, praktische Hilfsmittel zur Verbesserung der Atemkontrolle und Körperhaltung sowie das geführte Singen von Schlaflieder sollen den Patienten Mittel an die Hand geben, um mit ihrer Krankheit besser umzugehen bzw. sie zu therapieren. Die Schlaflieder stammen aus verschiedenen Kulturkreisen und wurden extra gewählt, weil sie positive Emotionen wecken und die Patienten in ihren Ängsten beruhigen sollen.

%d Bloggern gefällt das: