Betroffene Singgruppen

Inhalt dieses Menüpunkts

  1. Nur ein paar wenige Chöre infiziert?
  2. Bewährungsprobe kalte Jahreszeit
  3. Chöre nach Neuanfang wieder infiziert – professionelle Ensembles besonders gefährdet
  4. Beispiele von Choransteckungen in Europa nach Ländern
  5. Ausbrüche in vielsingenden Glaubensgemeinschaften – auch hier durch Singen infiziert?
  6. Weitere Ausbruchherde, die mit Gesang in Verbindung standen

1. Nur ein paar wenige Chöre infiziert?

In der Presse wurden und werden immer wieder die gleichen drei Chöre thematisiert, in denen sich Sänger im März vor dem Lockdown der verschiedenen Länder massenhaft mit Corona infiziert haben: der Skagit Valley Chorale in Mount Vernon im US-Bundesstaat Washington (52 von 61 Sängern infiziert, 2 Tote), der Gemischte Chor Amsterdam (102 von 130 Sängern infiziert, 1 Toter + 3 verstorbene Partner von Sängern) und der Berliner Domchor (etwa 60 von 80 Sängern infiziert).

Während einerseits aus diesen Fällen abgeleitet wurde, dass Gruppensingen besonders ansteckungsgefährdend sei und manche Staaten oder Institutionen infolgedessen sogar dazu aufgerufen haben, aufs Gruppensingen unter Coronabedingungen zu verzichten oder das Gemeinschaftssingen zum Teil noch bis jetzt offensiv untersagt haben, wurden und werden diese Beispiele von anderen gerade für absolute Ausnahmefälle erklärt, die die Wiederaufnahme eines annähernd normalen Chorbetrieb nicht ausbremsen sollten. Gibt es doch zigtausenden Chören auf der Welt. Was wiegen dagegen schon drei Chöre? Warum sollte es ausgerechnet den eigenen Chor treffen? Oder es handele sich bei diesen Chören nur um grosse Formationen. Kleine Chöre würden wohl nicht betroffen sein. Wer hat hier Recht? Liegt die Wahrheit vielleicht irgendwo in der Mitte?

In Wirklichkeit haben sich nicht nur diese drei grossen Chöre zu einem grossen Teil infiziert, sondern weitere grosse wie kleine Ensembles – und das mit einer weit stärkeren Angriffsrate als dies bei den meisten anderen Tätigkeiten geschieht. Bereits im März und April wurden weltweit von solchen Ereignissen berichtet, oft in lokalen Medien. Es ist sehr die Frage, wie viel Chöre (und andere Gesangsgruppen) tatsächlich betroffen waren und über wie viel von ihnen damals überhaupt in der Presse berichtet wurde. Die meisten beschriebenen Fälle von Choransteckungen ereigneten sich Ende Februar, Anfang März 2020 in einem Zeitraum von ein, zwei Wochen. Natürlich explodierten die Ansteckungszahlen seinerzeit und Chorsänger wurden auch außerhalb der Chöre zwangsläufig angesteckt. Die Lockdowns in vielen Ländern bereiteten diesem Spuk vorerst ein Ende, und die Chöre pausierten oder probten via Internet. Deshalb ist schwer abzuschätzen, ob und wie oft es nach Wiederaufnahme des Chorbetriebs erneut zu solchen Gruppeninfektionen kommen wird und ob die Massnahmen der Schutz- und Hygienekonzepte der Chöre diese verhindern werden. Meines Erachtens droht die Gefahr am ehesten da, wo die besondere Gefährdung durch Aerosolübertragungen und durch die gesangsspezifische Atmung besonders unter winterlichen Probenbedingungen unterschätzt wird und nicht dem angemessene Schutzmassnahmen getroffen werden. Die Ansteckung über verseuchte Luft als primärer Übertragungsweg in Chören sollte sehr ernst genommen werden.

2. Bewährungsprobe kalte Jahreszeit

Die Ersteller der Schutzkonzept-Empfehlungen tasteten sich anfangs vorsichtig vor. Es wurde dazu aufgerufen, die ersten Wochen nach der Öffnung der Chöre sehr bedacht vorzugehen. Als dann in Europa die Ansteckungszahlen zunächst tief und die Krankenhausbetten vielfach leer blieben, wuchs in Chorkreisen wieder der Mut und die meines Erachtens eigentlich wichtigen Werte wie Raumgrösse, Probendauer bevor Lüftung, Lüftungsanweisungen und die empfohlene Gesamtprobendauer wurden aufgeweicht und die entsprechenden Regelungen vielerorts gelockert (sofern überhaupt gesungen werden darf, was in manchen Staaten oder Regionen nicht erlaubt oder bereits wieder verboten und nicht selbstverständlich ist).

Dabei könnte der Schein trügen. Im Sommer mussten sich Chöre, die an der frischen Luft oder bei allen geöffneten Fenstern und Türen probten, ja viel weniger Sorgen um Gruppeninfektionen machen. Die gute Lüftung bewirkt, dass Aerosole sofort in der Luft verdünnt werden. Aerosole werden zudem durch die vergleichsweise hohe Luftfeuchtigkeit im Sommer recht schnell gebunden und sinken zu Boden, während sie in der trockenen Heizungsluft sehr viel länger in der Luft bleiben. Vermutlich kam auch die hohe UV-Strahlung im Sommer bei der Drückung der Ansteckungszahlen zur Hilfe, da Coronaviren bei unmittelbarer Aussetzung der Sonnenstrahlen ausserhalb vom Körper keine Überlebenschancen haben. Das Coronavirus scheint nach neusten Studien die Dunkelheit zu lieben, wo es bis zu 28 Tage überleben kann, während es durch Sonnenlicht sehr schnell deaktiviert wird. Die trockene Heizungsluft belastet zudem die Schleimhäute der Atemwege und macht sie für Infektionen viel anfälliger. D. h. die Hygienekonzepte für Chöre werden nun eigentlich erst durch die kalte Jahreszeit auf die Bewährungsprobe gestellt. Es wird sich zeigen müssen, ob die Regelungen gut genug sind, um die Chöre zu schützen, wenn sie denn singen dürfen.

3. Chöre nach Neuanfang wieder infiziert – professionelle Ensembles besonders gefährdet

Von ersten Chören im Laien- wie im Profibereich, die sich wieder in grossem Stil infiziert haben, las man bereits in der Presse (Stand Anfang Oktober 2020). Das hat wohl zwei Hauptgründe. Zum einen haben Chöre erst vor oder nach dem Sommer wieder begonnen, vor Ort zu proben. Daneben stiegen die Ansteckungszahlen mit Beginn der kalten Jahreszeit in vielen Ländern nach den Lockdown-Maßnahmen wieder recht stark, und Chöre müssen sich schon allein deshalb mehr vorsehen.

Besonders schwierig sind von vorn herein die Bedingungen im Bereich des professionellen Singbetriebs. Während Laienchöre in den meisten Fällen nur wöchentlich proben und es eine realistische Chance gibt, dass ein Infektionsgeschehen in einem Chor im Zeitraum zwischen zwei Proben entdeckt wird, die betroffenen Sänger sich unterdessen isolieren können und der Chorbetrieb gegebenenfalls gestoppt werden kann, ist die Situation im professionellen Chorbetrieb heikler. Angesichts der mitunter längeren Inkubationszeit kann es – wie bei Laienchören wohl sonst nur in Intensivproben- und Konzertphasen – so viel leichter zu einer schleichenden Infektion eines Chores kommen. Beispiele zeigen, dass es mit Aufnahme des Spielbetriebs an diversen Opernhäusern und Bühnen auch bereits rasch dazu gekommen ist. Schon im Zuge der ersten Welle war – allerdings nur – in der spanischen Presse von einem betroffenen professionellen Operettenchor aus Madrid berichtet worden. Es ist unklar, ob und wie oft das auch anderswo geschah.

Unter den professionellen Chören, die nun neuerlich von Corona-Ausbrüchen betroffen sind, sind etliche klangvolle Namen dabei, so dass sich die Frage auftut, ob man von diesen Ausbrüchen insbesondere deshalb erfahren hat, weil es sich eben um berühmte Vertreter ihrer Gattung handelt. Wie viele kleine Provinztheater oder Kleinbühnen mögen auch von solchen Ausbrüchen betroffen sein, über die man nichts erfährt und die vielleicht allenfalls – wenn überhaupt – von der Lokalpresse mit einer kleinen Notiz bedacht werden?

4. Beispiele von Choransteckungen in Europa nach Ländern

Die im Folgenden zusammengetragenen Beispiele von Ansteckungen in Chören stellen vermutlich nur eine kleinere Auswahl der tatsächlich infizierten Chöre dar. Wenn ich nicht in der Schweiz wohnen und arbeiten würde, wäre ich vermutlich nicht an die Informationen zu den meisten hier aufgelisteten hiesigen Ausbruchsherden in Chören gelangt. Die Sprachgrenzen erschweren zudem die Recherche erheblich. Ausbrüche in Chören, die in irgendeiner Fremdsprache im Lokalteil einer Zeitung erwähnt werden, sind kaum auffindbar. Immer wieder stellt sich heraus, dass bei den bereits aufgelisteten Beispielen nur eine zufällige Erwähnung in einem anderen Kontext auf einen Coronaausbruch in einem Chor aufmerksam hat werden lassen.

Der Zweck dieser Auflistung ist nicht die Befriedigung von Sensationslust, sondern um zu zeigen,

  • dass gerade im Chorbereich bei Ansteckungen die Angriffsrate immer wieder außerordentlich hoch ist (nachgewiesen sind bis zu 90 %; da aber oft nicht flächendeckend getestet wird und wurde, ist auch möglich, dass einzelne Chöre zu 100 % infiziert sind oder waren)
  • dass die hohen Angriffsraten eben keine Ausnahme sind und als solche massiv für die Ansteckung über die Luft sprechen
  • dass wir unsere Chorarbeit unter den gegenwärtigen Pandemiebedingungen wirklich sehr achtsam führen sollten, wenn sie uns denn erlaubt ist, und dass es sinnvoll ist, ein gutes situationsangepasstes Hygienekonzept zu erstellen
  • dass wir nicht egoistisch versuchen sollten hohe Ziele umzusetzen, weil wir dabei nicht nur ein hohes Risiko für uns selbst, sondern auch für andere in Kauf nehmen

und um Antworten auf drängende Fragen zu erhalten wie:

  • Kann der Chorbetrieb unter den gegenwärtigen Pandemiebedingungen einigermaßen sicher fortgeführt werden und wenn ja, wie?
  • Sagen uns die Beispiele vielleicht etwas darüber, was wir tun oder was wir besser nicht tun sollten?
  • Gibt es vielleicht Hinweise, die Rückschlüsse zulassen, warum ein Ausbruch oder seine Folgen mehr oder weniger heftig waren?
  • Wie sicher ist Chorgesang also tatsächlich, und wie ernst sollte man auf dem Hintergrundwissen stark infizierter Chöre welche Schutzmaßnahmen im Chor nehmen?

Es ist wichtig, dass wir mit den Chören weitersingen und auch weitersingen dürfen. Die Gefahr des Chöressterbens ist aktuell gross. Ein fahrlässiges und unverantwortliches Verhalten, bei dem wir Attraktion suchen und hohe Konzertziele verwirklichen wollen, birgt nicht nur das Risiko, dass wir auch unsere Umgebung damit gefährden, sondern kann dazu führen, dass Chorsingen nach potenziell vermehrten Massenausbrüchen in Chören (wieder) verboten wird (hier in der Schweiz ist das aktuell geschehen). Das sollte unbedingt verhindert werden.

Gerne würde ich die Liste der nachfolgend genannten Chöre und Gesangsanlässe erweitern, um ein vollständigeres Bild zu bekommen. Sie können mich auf weitere Fälle aufmerksam machen. Die Chöre müssen dabei, so sie nicht ohnehin auf ihre eigenen Betroffenheit auf ihren Webseiten verweisen, nicht namentlich erwähnt werden. Dies sollte im Fall der Fälle auch unbedingt vorher geklärt werden, wenn die betreffende Choransteckung nicht auch sonst öffentlich wurde. Es reicht, wenn nur der Name einer Stadt oder einer Region angegeben wird, damit der Chor genügend anonym bleibt. Ich biete bei den von mir namentlich genannten Chören keine Informationen, die nicht auch anderweitig im Internet zugänglich gemacht worden wären. Von Interesse wäre allerdings, wenn Sie optional noch weitere aussagekräftige Informationen geben könnten (z. B. Grösse des Chores; Probe oder Konzertphase; Art und Grösse der Proben- oder Konzertlokalität; Fragen wie: Sind über Sänger*innen hinaus auch Instrumentalisten, Dirigent oder Publikum infiziert worden; wurde statisch gesungen oder mit Bewegung, Choreographie, Inszenierung; hat sich der Chor an ein Hygienekonzept gehalten u. ä. m.?). Bitte korrigieren Sie mich auch, wenn ich ein Detail falsch wieder gegeben wurde oder etwas auf einer nicht zuverlässigen Quelle beruhen sollte, aber auch, wenn ein Detail noch unbedingt der Erwähnung wert wäre.

Holland

  • (März 2020) Gemengd Koor Amsterdam: Bei einem Konzertprojekt mit Bachs Johannespassion infizieren sich 102 von 130 Sängern mit Corona (78 % des Chores). Auch Orchester, Solisten und Dirigent sind betroffen. In der Generalprobe fehlen schon 15 Sänger. Das Konzert am 8. März wird dennoch durchgeführt. Zahlreiche Sänger*innen werden in der Folge intensivmedizinisch betreut. 1 Chormitglied stirbt, ebenso 3 Partner von Chorsängern. Das Publikum bleibt offenbar verschont.
  • (März 2020) Christlicher Männerchor De Lofzang Heerde (Provinz Gelderland): Dieser krasseste in holländischen Zeitungen beschriebene Fall einer Choransteckung wird in den Medien ausserhalb Hollands nicht wahrgenommen. Nachdem in Holland am 12. März Zusammenkünfte über 100 Personen verboten werden, stoppt der Chor – wiewohl nur 80 Männer zählend – seine Proben. Zu spät. Denn in der letzten Probe davor hatten sich 40 % der Chores bereits angesteckt. 6 Betagtere von ihnen sterben in der Folge an Corona.
  • (März 2020) Christlicher Männerchor Salvatori Nunspeet (Provinz Gelderland): Diesen 90-köpfigen Männerchor wurde durch Corona hart getroffen. 3 Mitglieder sterben (ev. nur 2 infolge des Singens), mehrere werden hospitalisiert. Die trauernden Chormitglieder ziehen es vor, der Öffentlichkeit gegenüber weitere Hintergründe nicht breit zu treten.
  • (März 2020) Männerchor De Nachtegaal Someren (Provinz Noord-Brabant): Der Chor erlebt nach einer Probe Anfang März einen Coronaausbruch. Die Zahl der Infizierten ist nicht bekannt, mehrere Sänger müssen hospitalisiert werden, einer stirbt. Der erst Ende April erschienene Artikel erzählt die Geschichte eines im Chor erkrankten Schriftstellers. Wäre der Fall ansonsten auch bekannt geworden?
  • (März 2020): Zangkoor Sint Martinus aus Gronsveld mit den Gastsängern des Chores Sint Christina aus Eijsden (Provinz Limburg) Beide Chöre wurden nach einer Gemeinschaftsprobe für ein Jubiläumskonzert durch einen Corona-Ausbruch härter getroffen. Nähere Umstände sind nicht bekannt.
  • (März 2020): Ein kirchlicher Chor aus Hasselt (Provinz Limburg): Nach einer Probe mit dem Chor Anfang März werden etliche Chormitglieder, der Dirigent und seine Frau krank. Nun einige werden getestet: Ergebnis positiv. Der lungenkranke Dirigent wird hospitalisiert und überlebt nur knapp.
  • (März 2020): Frauenchor Between to Rivers Elst (Provinz Gelderland): Nach ihrer letzten Probe erkranken 20 Mitglieder des Frauenchors. Es werden nicht alle getestet. Aber bei den 4 Getesteten bestätigt sich der Verdacht. Auch Angehörige werden infiziert, die es schlimmer trifft als die Chormitglieder. Es wird vermutet, dass der Ausbruch im Chor auch Anlass für die hohe Infektionsrate vor Ort war. Die Probe fand in einem kleinen Schulraum statt.
  • (September 2020): Chor Musik 4 All Heerde (Provinz Gelderland): Nachdem bereits im März der örtliche Männerchor an Corona erkankt ist, wird die Chorszene in Heerde zum zweiten Mal im September getroffen. 7 Sänger*innen aus dem Chor Musik 4 All werden positiv getestet, wohl aber mindestens noch 2 weitere aus einem anderen Chor. Kann es sein, dass man vor alle dem nur deshalb erfährt, weil die Bürger dieser unter 20000 Einwohner großen Gemeinde bereits durch die Katastrophe in ihrem Männerchor für das Thema sensibilisiert waren?
  • (September 2020): Ein anonymer Chor auf der holländischen Insel Curaçao:  Die Zeitung De Telegraaf berichtet darüber, dass ein sprunghafter Anstieg an Infektionen auf der niederländischen Insel Coracao auf einen Chor zurückgeht, der seine erste gemeinsame Probe hatte, obwohl das zu diesem Zeitpunkt untersagt war.
  • (September 2020): Chor „Populus Unus in Cantione“ Leiden: Nur zwei Wochen nach Öffnung der Chöre haben sich in einer Probe 9 von 18 anwesenden Sänger*innen eines 33-köpfigen Chores mit Corona infiziert. Die mehrheitlich medizinisch ausgebildeten Chormitglieder sind schockiert, dass dies passieren konnte, haben sie sich doch streng an das Schutzkonzept des Niederländischen Chornetzwerks gehalten und in einem grossen Raum auf Abstand und mit Durchzug geprobt. Die Sänger melden Zweifel an den vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen an und warnen andere Chöre, dass dies überall genauso geschehen könne.


Spanien

  • (März 2020) Profichor Coro del Lopez des Theatro de la Zarzuela Madrid: Bei der Probenarbeit für eine Operette in der ersten Märzwoche 2020 erkrankten 90 % der beteiligten professionellen Sänger*innen an Corona (27 von 30). Der Ausbruch im Chor war offenbar ein Motor für die Ausbreitung der Pandemie in Madrid. Als die ersten 4 positiven Ergebnisse aus dem Chor bekannt wurden, gab es in Madrid erst 89 bestätigte Coronafälle. Der Artikel beschreibt den Kampf eines hospitalisierten Chortenors um die Wiedererlangung seiner vollen Atemkraft. Wäre dieser bemerkenswerte Fall ohne diesen Artikel aus der Retrospektive (2. Juni) überhaupt bekannt geworden?
  • (September 2020): Gospelchor River Troupe Gospel (Katalonien): Nach der Probe eines Gospelchors aus Sallent im Hinterland Barcelonas am 11. September und eines Konzertes am 13. September werden 30 von 41 Sänger*innen positiv auf Corona getestet (73 % des Chores). Der Stadtrat von Sallent betont in einer Stellungnahme, dass sich der Chor an alle vorgeschriebenen Sicherheitsregeln gehalten habe. Ein Video zeigt den euphorischen singenden Chor am besagten Abend beim Einstudieren einer bewegten Choreographie. Die Abstände der Sänger (vor allem zwischen den Reihen) sind meines Erachtens problematisch, obwohl der überwiegende Teil des Chores Masken trägt. Jedoch wäre es auf diese Weise wohl zu keiner Masseninfektion gekommen. Vermutlich eher dadurch, dass der Chor, um sich vor Mücken zu schützen, im Verlauf der Probe die Fenster geschlossen und eine Klimaanlage (Umluft?) benutzt hatte. Lauter Gesang, eingehende Bewegung und tiefe Atmung werden das Übrige getan haben.

Portugal

  • (Juni 2020) Chor der Wallfahrtskirche in Fatima: Im Juni wurde bekannt, dass sich 16 Sänger*innen des Chors der weltberühmten Wallfahrtskirche infiziert haben sollen. Wohl untereinander. Die Singenden sollen keinen Kontakt zu den Pilgern gehabt haben. Fatima als Wallfahrtsort ist natürlich exponiert – und ein Ausbruch dort im Chor ist eine Zeitungsmeldung wert. Wie viele Corona-Ausbrüche in Chören gab es in Portugal tatsächlich?

Russland

  • (August 2020) Profichor Staatlicher Akademischer Nordrussischer Volkschor Arkhangelsk: Mindestens 34 Sänger*innen des professionellen Chors, einer der ältesten Russlands, haben sich mit Corona infiziert. Es kann sein, dass dies nicht nur mit dem Singen selbst zu tun hat. Die Darbietungen werden dort auch choreographisch einstudiert.
  • (September 2020): Profichor Chor des Mariinsky-Theater St. Petersburg: Slipped Disk beruft sich auf eine vertrauenswürdige Quelle, derzufolge 74 von 140 Mitgliedern des Chors des Mariinsky-Theaters und 30 Mitglieder des Orchesters positiv auf Corona getestet wurden. En24 World hatte bereits im September unter dem Titel “Corona-Virus verkrüppelt die Gesundheit der Künstler vom Mariinsky Chor gefolgt vom Balett“, das offenbar auch betroffen ist, auf den Massenausbruch mit den schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit der Künstler hingewiesen. Der Hauptverantworliche, der weltberühmte Dirigent Valery Gergiev, setzte die Arbeit am Theater trotzdem fort.
  • (September 2020): Profibereich Bolschoitheater Moskau: Ende Oktober wendet sich das Theater direkt an Putin mit dem Verweis auf aktuell 124 Infektionen in den eigenen Reihen.
  • (September 2020) Ein anonymer Orthodoxer Chor in Kaliningrad: Der dieser Information zugrunde liegende Artikel verweist beiläufig ohne nähere Angaben auf einen infizierten Orthodoxen Chor.
  • ? (September 2020) Profibereich Oper Perm: Die Oper schliesst vorübergehend wegen bestätigten Coronafällen am Haus, nachdem aus dem gleichen Grund bereits das Theater Perm seinen Spielbetrieb ausgesetzt hat. Der Chefdirigent ist erkrankt. Es liegen keine Informationen vor, ob Opernensemble oder Chor betroffen sind.
  • (Oktober) Profibereich Chor, Balett und Orchesters der Oper Novosibirsk. Die Oper hat ihre Künstler vorübergehend in Quarantäne geschickt, nachdem über 80 Künstlern, darunter Tänzer, die Hälfte von 60 Bläser sowie der gesamte Chor krankgeschrieben ist und 21 Bestätigungen für Coronainfektionen vorliegen. Anfang November sagte der Chefdirektor des Theaters, Wjatscheslaw Starodubtsev, dann, 70 % der Operntruppe seien erkrankt.
  • (Oktober 2020): quasi Profichor Akademischer Chor Mlada Perm: Der vielfach preisgekrönte Chor, ein chorisches Aushängeschild Russlands, sagt ein Konzert ab mit dem Hinweis auf Infektionen in den eigenen Reihen.
  • (Oktober 2020): Profibereich Oper Astrachan: Die Lokalmedien melden einen Corona-Ausbruch an der Oper in Astrachan bekannt, und Opern- und Ballettensemble gehen in Quarantäne. Das Theater verweigert Auskünfte dazu und setzt seinen Spielbetrieb reduziert fort.
  • (Oktober 2020): Profibereich Oper Jekatarinenburg: Die Oper meldet einen Corona-Ausbruch vornehmlich in der Balletttruppe, aber auch im Chor und im Orchester.

Lettland

  • (Oktober 2020) Profichor Lettischer Rundfunkchor: Nachdem 10 von 24 positiv getestet sind, begibt sich der Chor vorsorglich in Quarantäne. Ob weitere Sänger ebenfalls erkrankt sind, ist nicht bekannt.
  • (Oktober 2020) Profichor Lettischer Staatschor: Ein Artikel erwähnt Coronafälle im grössten Profichor Lettlands. Wie viele Sänger*innen betroffen sind und weitere Hintergründe konnte ich nicht in Erfahrung bringen.
  • (Oktober 2020) Profichor Chor der Lettischen Nationaloper: Die Oper meldet einen Ansteckungscluster allein im Chor. Wieviel infiziert sind, ist unklar – zum Zeitpunkt der Meldung waren zahlreiche Künstler noch nicht getestet.
  • (Oktober 2020) Schulchor Vecpiebalga: Ein Corona-Ausbruch im Schulchor mit 9 vorerst bestätigten Fällen führte einige Tage später zu einem sprunghaften Anstieg im Ort mit 50 Infektionen.

Ukraine

  • (August 2020) Profichor Chor der Nationaloper Charkiw: 21 Mitglieder des Opernchors und 7 Mitglieder des Balett werden im September positiv auf Corona getetest. Glück im Unglück: Es gibt leichte und mittelschwere, aber keine schweren Verläufe. Es wird angekündigt, dass 17 Sänger bald zurückkehren können.

Tschechien

  • (August 2020) Profichor Chor des Nationaltheater Prag Radio Prag International berichtet am 31. August darüber, dass der gesamte Opernchor unter Quarantäne gestellt wurde, nachem einige Mitglieder positiv getestet worden waren. 
  • (Oktober 2020) Profibereich: Opernensemble des FX Šalda Theater Liberec: Die Sächsische Zeitung berichtet am 9. 10., dass im Theater der nordböhmischen Provinzhauptstad Liberec von 200 dort arbeitenden Künstlern 90 positiv auf Corona getestet wurden, hauptsächlich aus dem Opernensemble (Chor und Solisten?) und dem Orchester.

Deutschland

  • (März) Berliner Domchor: Nach einer Probe am 9. März melden sich 60 von 80 Anwesenden mit typischen Corona-Symptomen krank, darunter auch der Dirigent und die Korrepetitorin. Es werden nicht alle getestet, aber 30 positive Testergebnisse liegen vor. Das deutsche Robert-Koch-Institut hat den Fall untersucht. Der Fall trug dazu bei, dass in Deutschland der Ansteckungsweg über Aerosole, der vor allem im Chorbereich allein die immer wieder auftretenden hohen Fallzahlen erklären kann, viel früher ernst genommen wurde, als in anderen Ländern, wo dies zum Teil bis heute nicht offiziell anerkannt ist und wo die Bevölkerung und Chöre im Speziellen nicht von staatlicher Seite über diese spezielle Gefährdung aufgeklärt wird (wie etwa hier in der Schweiz). Dieses verlinkte Video zeigt den 120 m2 grossen Probenraum mit seiner grossen Deckenhöhe und den grossen Abstand von Dirigent zur mutmaßlich infizierten Sängerin in der 4. Singreihe, die in 2 1/2 h die Luft im etwa 800 m3 grossen Raum so viral kontaminieren konnte, dass sich drei Viertel des Chors angesteckt haben. In dem vergleichsweise jungen Chor reichten die Symptome von leicht bis sehr schwer.
  • (März) Ein anonymer Chor aus Stade (Niedersachsen): In einem Beitrag im NDR wird beiläufig ohne weitere Angaben ein infizierter Chor aus Stade erwähnt.
  • (März) Kirchenchor Hohenberg (Bayern): Hohenberg war am 19. März der 2. Ort, der in Deutschland eine Ausgangssperre verhängte, nachdem sich Corona vom Kirchenchor im Ort nach einer Probe am 10. März verbreitet hatte.
  • (März) Chor aus dem Landkreis Hohenlohe: Der Corona-Ausbruch in einem Chor wird nur beiläufig in einem Zeitungsartikel erwähnt.
  • (November 2020) quasi Profichor Dresdner Kapellknaben: Nach positiven Coronatests von Lehrkörpern und Kindern Anfang November legt das Kapellknabeninstitut vorsorglich einmal den Betrieb auf Eis.
  • (November 2020) Landesjugendchor Rheinlandpfalz: Der auf 26 Sänger*innen Chor samt 80-köpfigem Publikum muss in Quarantäne, nachdem nach einem Konzert in 4 Sänger positiv getestet werden
  • (November 2020) quasi Profichor Dresdner Kreuzchor: Nachdem Ende November 4 Sänger aus dem intensiv und regelmäßig probenden Knabenchor coronapositiv getestet wurden, sagte der Chor seine Auftritte ab. Anfang Dezember wurde bekannt, dass eine nicht näher genannte Zahl an weiteren Infizierten im Chor ausgemacht wurden.

Schweiz

  • (März 2020) Kirchenchor Felix und Regula in Wattwil (Kt. Sankt Gallen): Nach der letzten Probe am 10. März 2020 wurden rund die Hälfte der Sänger*innen positiv auf Corona getestet und einzelne Mitglieder mussten hospitalisiert werden. Der Umstand ist nur bekannt, weil der Chor in seiner Webpräsens selbst darüber berichtet hat.
  • (März 2020) Gemischter Chor St. Martin (Kt. Fribourg): Ein kleiner Ort im Kanton Fribourg wurde mit 40 Infektionen hart getroffen. Ein Großteil der Betroffenen waren Sänger*innen des Gemischten Chores.
  • (März 2020) Kirchenchor Buttisholz (Kt. Luzern): In einer Probe des Kirchenchors Anfang März infizierten sich mehrere Chormitglieder.
  • (März 2020) Atout chœur de Cugy (Kt. Vaud):  14 Sänger*innen erkrankten nach (hochfrequenten oder wöchtentlichen?) Proben für einen Anlass vermutlich an Corona, getestet und dies mit positivem Ergebnis wurden aber nur 4 von ihnen.
  • (Juli 2020) Jugendchorlager in Parpan (Kt. Graubünden): Nach einem Jugendsinglager der christlichen Jugendorganisation Adonia verbunden mit 2 Konzerten werden 20 von 100 Mitwirkenden, Kinder wie Erwachsene, positiv getestet. Dies führt zu zahlreichen Sekundärinfektionen und hat deutliche Auswirkungen auf die Fallzahlen des Kantons Graubünden, die der Kanton nach einigen Wochen aber wieder auffangen kann.
  • (September 2020) Jodlerklub Echo vom Mythen (Kanton Schwyz). Mutmaßlich infolge zweier Aufführungen eines Jodler-Musicals, die von insgesamt 600 Menschen besucht werden, im Mythen Forum der Stadt Schwyz explodieren die Fallzahlen der Region. Der bislang relativ verschonte Kanton wird dadurch zum Corona-Hotspot der Schweiz, und das dortige Gesundheitssystem stösst an seine Belastungsgrenze (Positivrate der Getesten von 30 bis 40 %). Das örtliche Spital wendet sich mit einem Hilferuf direkt an die Bevölkerung. Die Veranstalter betonen, dass sie sich an ein strenges Sicherheitskonzept gehalten haben. Die Gefahr für das Publikum, in dem sich offenbar viele infiziert haben, sei von der Bühne selbst ausgegangen, wo es bei dem beteiligten Jodlerklub Infizierte gab. Man bedenke, dass dies in einer geräumigen Halle geschah (ca. 700 m2 x 10 bis 12 m durchschnittliche Deckenhöhe = über 7000 m3 Raumvolumen), dem grössten Kulturveranstaltungsort des Kantons (Bild von der Bühne aus).
  • (Oktober 2020) Ein anonymer Chor aus Neuchâtel (Kanton Neuchâtel): Von 33 Choristen und 10 Instrumentalisten wurden bei einem Chor 28 Personen positiv auf Corona getestet (65 % des Beteiligten). In einer ärztlichen Stellungnahme ist sogar von einer Angriffsrate von fast 80 % unter den Choristen die Rede. Nähere Hintergründe sind leider nicht bekannt. Andere Chöre des Kantons sollen ebenfalls betroffen sein, in denen einzelne der positiv Getesteten mitsingen.
  • (Oktober 2020) Ein mir namentlich bekannter Jodelchor (Kanton Zürich): Aus privater Quelle weiss ich um einen Jodlerklub, bei dem nach einer Probe mehr als ein Drittel der Sänger positiv getestet wurden. Die Sache ist nirgends eine Schlagzeile wert und wird wahrscheinlich häufig in dem Ausmaß geschehen.
  • (Oktober 2020) Kirchenchor Alt Sankt Johann (St. Gallen): Nach einem Auftritt im Gottesdienst in der Kirche stellt sich heraus, das 6 Sänger*innen mit Corona infiziert sind.
  • Profibereich: Auch in der Schweiz habe ich in von drei privaten Quellen, die selbst teilgenommen oder unmittelbaren Kontakt dorthin hatten, von drei verschiedenen Ausbrüchen – in größerem Umfang oder mit mindestens mehreren Infizierten – in Gesangsensembles an privaten und stattlichen Opern-/Operettenbühnen erfahren, über die keine Medien berichtet haben

Österreich:

  • (März): Gesangsverein “Sing Aktiv” aus St. Georgen an der Gusen (Oberösterreich): Bei einem Wochenendausflug des Chores am 6. und 7. März infizieren sich 38 von 44 Sängern (86 % des Chores). Der Massenausbruch treibt die Coronafallzahlen im Bezirk Perg in die Höhe.
  • (März): unspezifisch genannte Chöre: Bei einer Auswertung des der ersten Ansteckungscluster in Österreich durch die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit erklärt deren Leiter, der Medizinprofessor Franz Allerberger, Apres Ski und Chöre zu den hauptverantwortlichen Treibern für die Ausbreitung der Pandemie. “Chöre” weist darauf hin, dass es neben dem St. Georgener Chor noch weitere gewesen sein müssen.
  • (September): quasi Profiensemble Studierende der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien: Nach einer Aufführung von Studierenden der MUK von Lehars Operette “Die lustige Witwe” werden bei den Sängern sowie den 61 anwesenden Zuhörern mindestens 24 coronapositiv getestet. Dabei sollen auch Tanzszenen im Publikumsbereich stattgefunden haben,
  • (Oktober): Profichor Chor des Tiroler Landestheaters Innsbruck (Tirol): Am 22. Oktober wird bekannt, dass in dem Opernchor Corona-Cluster entdeckt wurde. Mehrere Mitglieder wurden positive getestet. Der Umfang ist nicht bekannt.
  • (Oktober): Kirchenchor St. Georg in Horn: Nach einer Gemeinschaftsprobe des Kirchenchors mit Mitgliedern anderer Chöre wurden 9 Mitglieder dieses Chors und weitere aus anderen Chören coronapositiv getestet. Der Chor wurde im Ort angegriffen, warum man mit Senioren ein solch hohes Risiko eingeht und auch andere im Ort in Gefahr bringt (eine Außenperspektive, die bei der Forderung nach freien Proben häufig vergessen wird). Der Chor betonte, sich peinlich an die für Kirchenchöre vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen gehalten zu haben.
  • (Oktober): Chor Cantus Vivendi Langenlois: In der Schlussphase vor geplanten Konzerten wurden 3 Sänger positiv getestet, weitere positive Ergebnisse werden dem Zeitungsbericht folgend noch erwartet.
  • (Oktober 2020): Kirchenchor im Bezirk Vöcklabruck: 14 Chormitglieder erkranken nach einer Chorprobe
  • (Oktober 2020) Kirchenchor Attnang-Puchheim: Alle 13 Mitglieder des Kirchenchors und weitere Kontaktpersonen erkranken nach einem Gottesdienstauftritt.

Frankreich

  • (Februar 2020) Chorale de Saint Marti in Wihr au Val (Elsass): Mit einer Probe des 20-köpfigen Chors am 28. Februar hält Corona offenbar Einzug nach Wihr au Val bei Colmar. In der Folge infizieren sich bis Mitte April 200 der 1300 Einwohner des Ortes und 9 von ihnen sterben.
  • (März 2020) Ein anonymer Männerchor: In einer auf MedRxiv, einer Dokumentenplattform für medizinwissenschaftliche Preprints, veröffentlichte Studie wird anonym eine Gruppeninfektion in einem Männerchor ausgewertet. 19 von 27 Anwesenden einer Probe vom 12. März werden positiv auf Corona getestet, einschliesslich dem Dirigenten und dem Korrepetitor. Die Probe findet in einem schlecht belüfteten 45 m2 grossen Raum mit einer 3 m hohen Decke statt (= 135 m3 Rauminhalt). 7 Männer des durchschnittlichen etwa 68 Jahre alten Chors werden hospitalisiert, 4 müssen intensivmedizinisch betreut werden. Meines Erachtens spricht das dafür, dass die Sänger eine besonders hohen Virusdosis ausgesetzt waren. Die Autorin der Studie ruft in ihrer am 5. August veröffentlichten Studie dazu auf, auf Chorproben in Innenräumen vorerst zu verzichten. Ohne die Studie wüsste man vermutlich nichts über diesen Ausbruch.
  • (März) Männerchor Hombert-Haut: Nach einem Ausbruch mit Corona werden mehrere Sänger des Chors hospitalisiert. Der Dirigent stirbt daran. Nähere Angaben liegen nicht vor.
  • (September 2020) Profibereich: Opera de Rouen: Nachdem Infektionen im Opernensemble bekannt werden, sucht die Indendanz zunächst nach Ersatz und wird schließlich zum Abbruch der Konzertreihe mit Wagners Tannhäuser gezwungen. Getestet wird dabei erst spät. Das Klassikmagazin Crescendo kommentiert das lavierende Vorgehen: “In der Normandie geht es zu, als würde Donald Trump ein Opernhaus leiten” und: “Rouen gefährdet alle Theater.”
  • (September 2020) Les Entonneurs in Bressuire: 11 von 15 Sängern und die Chorleiterin wurden nach einer Chorprobe positiv getestet, und das obwohl sie alle empfohlenen Schutzmaßnahmen penibel eingehalten haben wollen und sogar noch über die Vorschriften hinaus Masken trugen. Der Probenraum, eine Bibliothek, über deren Größe ich nichts sagen kann, soll eigentlich geeignet gewesen sein. Letztlich reichte die Lüftung nicht aus.
  • (Oktober 2020) Profichor: Chœur de Radio France: Aus dem Radiochor werden Ansteckungsfälle gemeldet. Nähere Angaben fehlen leider.
  • (November 2020) Profichor: Chor der Opera Bordeaux: Ein Corona-Cluster im Opernchor wird bekannt, wonach die 36 Sänger*innen in Quarantäne gehen.

Italien

  • ? (Oktober 2020) Profibereich Teatro Petruzzelli Bari: Das Opernhaus schliesst vorübergehend wegen 11 bestätigter Coronafälle am Haus. Es ist nicht bekannt, wer betroffen ist und wie es zu den Ansteckungen kam.
  • (Oktober 2020) Chor Scola Cantorum Leifers (Südtirol): Fast der komplette Chor (24 von 28 Sänger*innen = 86 %, 3 Testergebnisse stehen noch aus) hat sich bei einer Probe am 10. Oktober infiziert, obwohl er sich streng an alle vorgeschriebenen und empfohlenen Regeln gehalten hat. In Leifers gingen die Coronainfektionen in der Folge rapide nach oben.
  • (Oktober 2020) Profichor: Chor der Mailänder Scala: 18 Sänger*innen werden coronapositiv getestet. Im November wird von einem Cluster von 50 Betroffenen an der Scala berichtet.
  • (November 2020) Profichor: Chor des Teatro Massimo di Palermo: 17 Sänger*innen des Opernchors werden vorerst coronapositiv getestet.

England

  • (Januar 2020): Voices of Yorkshire-Chors und All Together Now Community Choir: Nachdem der Mann einer Sängerin Ende Dezember aus Wuhan zurückgekehrt war haben sich möglicherweise zwei Chöre im Januar in einer Region Englands umfassender mit dem Virus infiziert, bevor überhaupt erste Fälle in England bestätigt wurden. Die beobachteten Symptome wiue starke Halsschmerzen, trockener Husten, Luftnot und Geschmacksverlust

Schweden

  • (Mai 2020) Gemeindechor in Vrångö: Nach einem Chorauftritt bei einem Missionstreffen einer Pfingstgemeinde auf der schwedischen Insel Vrångö werden 7 von 10 Sänger*innen eines kleinen Gemeindechors positiv getestet.

5. Ausbrüche in vielsingende Glaubensgemeinschaften – auch hier durch Singen infiziert?

Die Annahme der Luftübertragung beim Singen erklärt möglicherweise auch weitere Massenausbrüche von Corona besser. Neben den Chören gibt es nämlich noch eine Reihe weiterer Konstellationen, bei denen im Einzelfall bereits der Verdacht geäußert wurde, dass Singen hier eine besondere Rolle gespielt hat. Als erstes rücken hier Ausbrüche in vielsingenden Glaubensgemeinschaften in den Fokus. Entsprechendes lässt sich sowohl im christlichen, als auch im jüdischen als auch im buddhistischen Bereich zeigen. Bei weiteren viel singenden Glaubensgemeinschaften wird es wohl ähnliche Beobachtungen geben.

Ausbrüche in evangelikalen Gemeinschaften

Es ist bezeichnend, dass im christlichen Bereich die überwiegende Anzahl größerer Corona-Ausbruchscluster in evangelikalen Gemeinschaften und in Klöstern verzeichnet wurde und wird. In beiden Bereichen ist das christliche soziale Leben intensiver als bei anderen christlichen Gruppen und Gesang wird groß geschrieben. Die folgende Aufzählung sind – wenn auch zum Teil gravierend – nur Beispiele unter vielen. Es fällt auf, dass es im christlichen Bereich stets wiederkehrend viele Freikirchen trifft. Immer wieder wurde dann von Betroffenen, Gesundheitsämtern und Journalisten in analyierenden Artikeln die Ursache in den viel grösseren sozialen Kontakten und dem lebendigeren Gemeindeleben in diesen Gemeinschaften gesucht. Wenn man aber weiss, dass selbst im familiären Umfeld in aller Regel nur Ansteckungsraten von 10 bis 25 % zu verzeichnen sind, so werden dadurch die verstärkten Ansteckungsraten von 50 % und mehr der Betroffenen kaum erklärt. Eine Erklärung über viral kontaminierte Luft liegt auch hier nahe. Die leichtestes Möglichkeit eine Gruppe in den vorliegenden Ausmaßen zu infizieren ist leider das Singen.

Ausbruch nach Freikirchentreffen im Elsass: Ein Freikirchentrefen vom 17. bis 21. Februar in Mulhouse, wo viele Menschen zusammenkamen und wie in diesen Kreisen üblich sehr viel gesungen wurde, gilt als der wichtigster Ausgangspunkt der Corona-Epidemie im Elsass. 80 der Anwesenden wurden hospitalisiert, 29 starben. Von dort aus verbreitete sich die Epidemie über Frankreich. Der französische Gesundheitsminister Olivier Véran kommentierte das Geschehen:

Der Wendepunkt war die evangelische Versammlung in Mulhouse. Es ging wirklich von dort aus, dass sich die Epidemie ausbreitete.

Das Ereignis hatte auch nennenswerte Auswirkungen für die Nordwestschweiz.

Ausbrüche in evangelikalen Kirchen in den USA: Die Ärztin Lucinda Halstead spricht in einer mündlichen Expertse für den amerikanischen Chorgesang von vielen ernsten Ausbrüchen bei kirchlichen Gruppen. Allein der US-Bundesstaat Kansas verzeichnete bereits Anfang April, als die Pandemie dort sichtbar geworden war, 3 von 11 Clustern, die mit Gottesdiensten in Verbindung standen. Besonders große bekannte gewordene Ausbrüche in Kirchen ereigneten sich in Sacramento und in Arkansas.

Ausbrüche in evangelikalen Kirchen in Südkorea: In Südkorea kam es in einer ganzen Reihe von Kirchen zu Massenausbrüchen. Ein großer Teil der Christen (über 50 % der Bevölkerung) in Südkorea ist evangelikal (18 % der Bevölkerung). Gottesdienste werden dort mit viel Gesang zelebriert. In einer christlichen Randgruppe, die ihre Gotesdienst mit viel gemeinsamem Gesang feierte, kam zu einem Massenausbruch. Nach Angaben der Behörden waren 60% der ersten 6000 Infektionen in Südkorea die Folge dieses Ausbruchs. Sonstige gewichtige Masseninfektonen ereigneten sich dort noch in der Grace River Church in Seongnam (72 Infizierte), der Saeng Myeong Su Church (48 Infizierte), der Manmin Central Church in Seoul (41 Infizierte), der Ongchon Church in Busan (39 Infizierte) und etliche mehr. Auch nach dem Lockdown verzeichnet Südkorea wieder Ausbrüche in kirchlichen Gemeinschaften. Im August erwähnt die Finanzzeitung Nikkei für Südkorea 600 Infektionen in über 80 Kirchen verteilt auf Südkorea.

Ausbrüche in evangelikalen Kirchen in Singapur: Auch in Singapur wurden größerer Ansteckungscluster ausgewertet, unter denen sich eine Reihe Kirchen befanden. Gleich zu Beginn der Pandemie verzeichnete Singapur zwei Ausbrüche in evangelikalen Kirchen: Grace Assembly of God church und The Life Church and Missions. Der erste Coronatote Singapurs geht auf einen dieser Cluster zurück.

Ausbrüche in evangelikalen Gemeinschaften in Deutschland: Am 10. Mai kam es in einer Baptistengemeinde in Frankfurt am Main – einer weiteren Freikirche, wo Gesang groß geschrieben wird – zu einem Massenausbruch, in deren Folge es von anfänglich 40 gemeldeten, am 27.5. bis zu 130 Infzierte wohl inklusive Sekundärinfektonen kam. Der Ausbruch wurde immer mehr der Luftübertragung zugeschrieben. Die Gemeinde gibt selbst vor, sich an alle Hygienevorschrifen inklusive 1,5 m Sicherheitsabstand gehalten zu haben. Nur die Gemeinde hat auch gesungen, was die meisten Kirchengemeinden in Deutschland im Moment entsprechend den Empfehlungen der Kirchen nicht tun. Die Gemeinde schreibt in einer Stellungnahme:

„Im Nachhinein betrachtet wäre es für uns angebracht, beim Gotesdienst… auf den gemeinsamen Gesang zu verzichten.”

Immer wieder kam es in Deutschland von Mai bis Oktober 2020 in freikirchlichen Gemeindschaften zu Coronaausbrüchen mit zum Teil hohen Ansteckungszahlen und hohen Angriffsraten:

Hier kann aber nur spekuliert werden, wie viel davon mit Gesang in Verbindung steht, da verlässliche Daten fehlen. Zu Unrecht hat das Nachrichenmagazin Der Spiegel hier pauschalisiert und die Schuld für solche Ausbrüche einer angeblich breiten Corona-Leugnung in diesen Kreisen zugesprochen. Corona-Leugner machen hier wohl aber wie anderswo eher den geringeren Anteil aus. Bei mehreren der genannten Ausbruchsherde wurde freilich auch vermutet, dass Gesang der unmittelbare Auslöser gewesen sei.

Ausbrüche in der orthodoxen Kirche

Erwartungsgemäß ist auch die viel singende Orthodoxe Kirche in Osteuropa besonders von Ansteckungen betroffen. Hunderte von Priestern, Nonnen und Mönchen haben sich in den ersten Wochen infziert. Bischöfe sind gestorben, ein Chordirektor, ein berühmter Chorsolist. Ein Grund dafür kann ebenfalls die große Rolle des Gesangs sein. Hier spielt keine Orgel. Deren Rolle ersetzt sehr of ein Chor, Mönche oder Nonnen die üppig-musikalische Liturgie klanglich umsetzen. Die FAZ hat darüber berichtet: „Orthodoxe Klöster sind verstärkt vom Coronavirus betrofen“.

In der Ukraine gehören Klöster zu den wichtgsten Corona-Hotspots, so das berühmte Kloster Pechersk-Lavra in Kiev, einem der „Sieben Weltwunder der Ukraine“. Die erhöhte Ansteckungen dort wurden mitunter darauf zurückgeführt, dass es in der Orthodoxie als Blasphemie angesehen wird, dass ein Virus stärker sein könne als der in den Kirchen und Klöstern waltende Got, und einzelne Bischöfe dazu aufriefen, sich den Corona-Maßnahmen zu verweigern. Aber war das der einzige oder der wirkliche Hauptgrund?

Ausbrüche im orthodoxen Judentum

Aufällig ist, dass der Anteil der orthodoxen Juden unter den Infzierten und Verstorbenen in Israel, wie auch in vielen Ländern der jüdischen Diaspora verglichen mit ihrem tatsächlichen Anteil an der Bevölkerung bereits bei der ersten Welle vielfach überproportonal hoch war. So schreibt die Times of Israel zur Coronasituaton unter den Juden weltweit: „ An vielen Orten ist die Infektons- und die Todesrate unter den Juden weit höher als unter der nichtjüdischen Populaton.“ In England etwa machten die Juden 1,7% der Verstorbenen aus, obwohl der Anteil der Juden dort gerade einmal bei 0,3% liegt. Die Todesrate war dort also 6-mal höher.

In einigen der jüdischen Vierteln New Yorks mit einem hohen Anteil an orthodoxen Juden war die Todesrate 10-mal höher als in derselben Periode in denvergangenen Jahren. Der Ausbruch in der Synagoge Young Israel of New Rochelle steht überhaupt am Anfang der Pandemie in New York City. Auch an vielen anderen Orten der USA, wo besonders viele Juden leben, sei die Todesrate aufällig hoch.

Aufällig ist aber auch, dass das Virus auch in Israel besonders stark unter den orthodoxen Juden gewütet hat. Dort lag der Anteil der Infzierten Ultraorthodoxen am 10. 5. bei 70 %, obwohl ihr Bevölkerungsanteil gerade einmal bei etwa 11 % liegt: D. h. nur jeder 18. Infzierte war kein orthodoxer Jude. Orthodoxe Juden in aller Welt sind verwundert, warum es ausgerechnet sie so stark getrofen hat. Ein besonderes Sprechen Gottes wird vermutet. Auch hier verweigerten sich radikale Gruppen gegen staatliche Verordnungen. Aber dies war ofenbar nur ein kleiner Teil, denn für orthodoxe Juden ist es ein hoher Wert, die eigene Gesundheit und die anderer zu schützen. Weitere Erklärungsalternatven bezogen sich auf dichtes Zusammenwohnen, Armut bis zu Weltremdheit infolge mangelnder Informaton.

In der Gesamtperspektve sehe ich aber eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass auch hier der Gruppengesang eine entscheidende Rolle als Erklärung spielen kann, dass nämlich die stark mit üppigem Gesang verbundene Gottesdienst- und Lebenspraxis der Ultraorthodoxen ein gewichtgerAspekt ihrer überproportonalen hohen Ansteckungs- und Todesrate ist. Der russisch-jüdische Musikwissenschafler Jascha Nemtsov erklärt:

„Ohne Musik ist das Ausüben der jüdischen Religionundenkbar. Religion und Musik sind im Judentum so eng miteinander verwachsen, dass fast nur singend gelesen und gebetet wird: In orthodoxen Synagogen wird der Gotesdienst nahezu vollständig durchgesungen. In manchen Reformsynagogen werden zwar einzelne liturgische Texte gesprochen, der größte Teil der Liturgie wird aber ebenfalls gesungen. Auch außerhalb des Gotesdiensts werden religiöse Schrifen wie Torah oder Talmud traditonell singend studiert.“

Wieder also weist die Spur der besonderen Ansteckungsgefährdung auf den Gruppengesang.

6. Weitere Ausbruchsherde, die mit Gesang in Verbindung standen

Hochzeiten: Jedes Land kann wohl mittlerweile viele Cluster bei Hochzeiten ausweisen. Viele Ansteckungscluster auf Hochzeiten gingen durch die Presse. Im Hinblick auf Ansteckungen bieten Hochzeiten eine explosive Mischung an Faktoren. Viele Leute sind lange Zeit auf engem Raum, oft in geschlossenen Räumlichkeiten zusammen, tanzen zusammen, singen laut usw.

Beerdigungen: Beerdigungsrituale sind sehr Unterschiedlich und reichen von still bis sehr laut. Auch hier sind vor allem bei der letzten Kategorie, wo viel gesungen wird, gravierende Cluster bei Beerdigungen rapportiert.

Karnevalssitzungen: In Deutschland wurden einige Karnevalssitzungen in Nordrheinwestalen zu Massenherden der Corona-Verbreitung, so in Gangelt, wo 300 Personen zusammenkamen. Auch hier waren nicht nur viele Leute beisammen, sondern es wurde auch viel laut und feuchtröhlich gesungen, natürlich auch geschrieen. In Italien war der Haupthotspot der Corona-Verbreitung ein Fussballfest in Bergamo66. Auch hier wurde viel laut gegrölt und feuchtröhlich gesungen und auch geschrieen. Schreien ist ein ernstzunehmendes Übertragungsrisiko. Ob Singen und Schreien bei diesen Masseninfzierungen ein treibender Motor war, sei dahingestellt. Natürlich kamen bei all diesen Anlässen viele Leute zusammen und konntensehr gut das Virus auch über die traditonell vermuteten Übertragungswege weitergeben. Trotzdem bleibt die Gemeinsamkeit des Gruppensingens aufällig.

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